Endlos lange gerade Straßen gesäumt von Feldern, Wüsten, Steppenlandschaften und viel Nichts mit aufragenden Bergketten am Horizont erstrecken sich vor einem, wenn man im gemütlichen, klimatisierten SUV, dessen Getränkehalter mit Wasser, Eistee und Kaffee gut gefüllt sind, zu „Country Roads“, das gerade aus der „Route 66“ Playlist abgespielt wird, durch die Landschaft cruist– kurz gesagt: Roadtrip Feeling vom Feinsten.


Der Schriftsteller John Steinbeck verpasste der Route 66 in „The Grapes of Wrath“ ihren wohl bekanntesten Spitznamen „The Mother Road“. Auch wenn es in „The Grapes of Wrath“ hauptsächlich um die 1930er Jahre auf der Route 66 geht – dem Autor ist es mit dem Namen gelungen, die Essenz und das, was der Route 66 bis heute noch ihren einzigartigen Charakter verleiht, treffend in drei Worten zusammenzufassen. Die Geschichte der Straße geht zurück zu den Anfängen des Straßenbaus in Amerika: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Autos langsam erschwinglich für eine breitere Masse der Bevölkerung und die Nachfrage an besser ausgebauten Straßennetzen stieg. Allein im Amerikanischen Staat Oklahoma stieg die Anzahl der registrierten Automobile von 9000 im Jahr 1914 zu 144500 im Jahr 1920 und auf 576046 im Jahr 1930. Aus diesem Grund gab die US Regierung im Jahr 1921 den „Federal Aid Highway Act“ heraus, der eine intensive Entwicklung eines guten Straßennetzes durch die ganze USA vorsah.

Im Zuge dessen wurde 1926 der Ausbau einer Straße von Chicago bis nach Los Angelas vorgesehen, die die Nummer 66 zugeteilt bekam. Auch wenn viele der Straßensektoren schon bestanden, dauerte es bis 1937, bis die gesamte Straße zwischen den zwei Städten asphaltiert war. Schon von Beginn an wurde ein Publizist angestellt, um die Route 66 zu bewerben. Einer der Anfangsevents war ein Ultra-Marathon über ca. 5500km, der Großteil davon über die Route 66, den zur Überraschung aller der damals unbekannte Andy Payne, ein Mitglied der Cherokee Nation, gewann. Zu seinen Ehren steht noch bis heute eine Statue von ihm in Oklahoma, seinem Heimatstaat, neben der Route 66.


Nach dem euphorischen Start der Route wird ihre Geschichte in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts allerdings etwas weniger romantisch: In dieser Zeit suchte eine lang andauernde Dürre, die zu großen Ernteausfällen führte und zugleich große Sandstürme zur Folge hatte, dazu, dass viele Menschen aus der „Dust Bowl“ (der westliche Teil von Kansas, ein Teil Oklahomas, der nördliche Teil von Texas und nordwestliche Teil New Mexikos) über die Route 66 aufbrachen, um in Kalifornien ihr Glück zu suchen.


In den 40er Jahren erfuhr die Route wieder einen Aufschwung, zunächst während des zweiten Weltkrieges, in dem sie zu Mobilisierungszwecken ausgebaut wurde, und dann nach dem Krieg, als sie von Familien als eine Art Ausflugsziel genutzt wurde und man – ähnlich wie heute – das Entlangfahren als romantisierten Roadtrip betrachtete. Aus der Zeit erstehen wir auch im Museumsshop einen (original aus der Zeit stammenden) Guide, der die Attraktionen entlang der Route beschreibt, was sehr spannend ist. Es gab damals Cafés, Tankstellen (die Tanks waren ja auch noch deutlich kleiner) und Motels in fast jedem Ort, der entlang der Route 66 lag – ein richtiger Aufschwung für die Route und die Orte, durch die sie führte. Die Dust Bowl Ära der Route wurde abgelöst durch ein Bild, das sich bis heute hält von Freiheit und „Get your Kicks on Route 66“, wie Nat King Cole singt.

Über die Zeit veränderte sich öfter die Routenführung – das haben wir bei der Planung bemerkt, wenn man vor die Wahl gestellt wird, ob man z.B. das „Alignment“ von vor 1939 fahren möchte oder das spätere. Die Euphorie rund um die Route 66 als Roadtrip Ziel hielt sich bis in die 60er Jahre, als viele Roadside Diners auf der Strecke öffneten und aus denen auch eine TV Serie „Route 66“ stammt.


Kurz später folgte das Ende einer Ära: Dwight D. Eisenhower, der spätere Präsident der USA, befand das Amerikanische Straßennetz als altmodisch und in die Jahre gekommen – besonders nachdem er die damals modernen und schon gut ausgebauten Deutschen Autobahnen gesehen hatte, sah er die Notwendigkeit, die Amerikanischen Straßen ähnlich gut auszubauen. So wurde der Federal-Aid Highway-Act 1956 herausgegeben, der den Ausbau von den kleinen Straßen zu großteils vierspurigen Interstates, Freeways und Expressways vorsah – eine Unternehmung, die bis in die 1990er Jahre dauerte und dazu führte, dass immer mehr Teile der ehemaligen Route 66 entweder in Vergessenheit gerieten, dem Verfall überlassen oder einfach zu Interstates ausgebaut wurden.


Zum Erhalt und zur Promotion der alten Streckenabschnitte formten sich in allen acht States, durch die die Route führt, Assoziationen und Vereine, die bis heute Roadside Attraktionen warten und der Route gewidmete Museen betreiben. Mittlerweile sind die 2400 Meilen (3900 km) ein Kult und das Befahren der Route ein Traum von Vielen – auch wenn Route 66 Fans bereit sein müssen, sich die Mühe zu machen, genauere Streckenbeschreibungen oder den Turn-by-Turn Guide auf historic66.com durchzulesen und den Weg, den die Route einst nahm, eher mühsam zu rekonstruieren. Manche der Abschnitte sind heute Dirt Roads oder befinden sich auf Privatgelände, während andere einfach durch die Interstate abgelöst wurden. Umwege gehören dazu: „Road closed“ Schilder begegnen einem regelmäßig und dass man sich verfährt, ist auch wahrscheinlich.


Was allerdings bleibt, ist das Versprechen eines Roadtrips, der einen durch die von den Küstenbewohnern abfällig „Fly over states“ genannten Teile der USA führt, Orte, die schon längst ihren Höhepunkt erlebt haben, und Straßen, die einst existierten und heute nicht mehr als ein Feldweg sind – der vielleicht teilweise abenteuerlich ist, aber zugleich voller Nostalgie und einen auf eine Art Zeitreise in die USA der 40er bis 60er Jahre mitnimmt.
Quellen:
- https://www.nps.gov/articles/route-66-overview.htm
- https://www.route66roadtrip.com/index.htm
- Oklahoma Route 66 Museum
