
Vom Pointe du Raz
zum La Vallée du Rivoal
Dienstag, 5. März 2024


Der Energieschub der Verzweiflung
- Unser Taxi holt uns direkt vom Hotel ab.
- Die Fahrerin ist mit ihrem Sohn unterwegs, der gerade Schulferien hat – eine tolle und super liebe Frau, die mit uns – trotz gebrochenen Französischs – fast die ganze Fahrt über Konversation macht: Wir reden über das Wetter, über den Regenbogen, den man schon wieder wunderschön sieht, über französische Schulferien und über unsere heutige Etappe
- Sie ist besorgt, weil sie so lange ist und bietet an, uns am Pointe du Van – ein Stück näher – abzuladen, aber das lehnen wir dankend ab, wir können ja schlecht jetzt schon abkürzen.
- Los geht es also beim Pointe du Raz, bei dem anscheinend auch militärisches Gelände ist, wo Wind geht wie wild und wo wir weit und breit die einzigen Menschen sind.


- Der Weg führt die bretonische Küste entlang – mit wundervollen Ausblicken auf die schroffen und steil ins Meer abfallenden Felsen, die sich in starkem Kontrast aus dem blauen Meer erheben und an denen sich die Brandung schaumig zerschlägt. Das Rauschen der Brandung immer im Ohr wandern wir entlang der schmalen Pfade und ziehen Schicht für Schicht aus, denn die Sonne ist herausgekommen.









- Die Infrastruktur zum Wandern ist hier übrigens 1A – der GR34 ist top beschildert und hie und da gibt es öffentliche WCs am Weg.
- Wir wandern von einem herausragenden Kap zum nächsten und bemerken sogleich, ob es jeweils einen Parkplatz in der Nähe gibt – an der Menge der Touristen/Spaziergänger, die uns ohne Trinken und nichts entgegenkommen.

- Zuerst freut es uns noch sehr, die einzelnen Kaps zu erkunden, doch dann stellen wir fest, dass, um von einem zum anderen Kap zu gelangen, man jedes Mal ab- und wieder aufsteigen muss.
- Die ersten 20km kommen wir super voran, doch dann werden unsere Beine schwerer und die Pausen häufiger.
- Wie immer hab ich beim Wandern einen Mordshunger und gut, dass wir viele Snacks mithaben – das halbe Baguette mit super leckerer Pastete ist rap-zap vertilgt.

- Die Felsküste und die tobende Brandung, die sich an ihr zerschlägt, beeindrucken uns immer noch und das hilft sicherlich beim Vorankommen.
- Bei Kilometer 23 hab ich einen Durchhänger und bei Kilometer 27 Matthäus, aber immerhin ist immer einer fit genug den anderen zu “ziehen” und zumindest mit motivierenden Worten vorauszugehen.








- Komoot hat behauptet, die Etappe habe eine Länge von 30km, allerdings hab ich auf der Strecke den Pointe du Van ausgelassen, daher rechnen wir schon mit mehr.


- Als es am Schluss 35 sind, sind wir aber doch bissi überrascht.
- Um 18 Uhr sind wir noch immer ein ordentliches Stück von der Unterkunft entfernt und als es um 19 Uhr langsam dunkel wird, sind wir noch lange nicht da.

- So kommen wir in den Genuss, gleich am ersten Tag unsere Stirnlampen nutzen zu können.
- “Yeah”, meint Matthäus (wenig enthusiastisch).
- Im Schein unserer Stirnlampen legen wir also die letzten Kilometer Küstenweg (mit daneben abfallender Steilküste) zurück – bissi crazy.

- Total erledigt kommen wir bei “Chez Lydie” an, einem Gite, das voll nett eingerichtet ist.

- Was uns wirklich rettet heute, ist, dass Lydie wenig später persönlich erscheint und fragt, wann sie die warme Quiche vorbeibringen soll.
- Boah, was für ein Service – die wirklich leckere Quiche verschlingen wir wahrlich, bevor wir einfach ins Bett fallen.
Mittwoch, 6. März 2024


Ein Fuß vor den anderen
- Frühstück ist im Kühlschrank bei Chez Lydie. 🙂
- Unser Wecker läutet um 6:45h, allerdings brauchen wir ca. eine halbe Stunde, bis wir uns aus dem Bett wagen – und dann mit lauter “Ahs” und “Autschs” (Muskelkater lässt grüßen).
- Dann frühstücken wir sehr ausgedehnt und ordentlich, bevor wir sehr langsam einpacken und zugegeben vielleicht den Moment des Aufbruchs versuchen hinauszuzögern.
- Endlich ziehen wir los – mit Regenponchos, denn passend zur Stimmung regnet es.

- Wir haben Glück und unser langsames in die Gänge Kommen zahlt sich aus, denn gleich schon kommt die Sonne heraus und so bleibt es den meisten restlichen Tag.


- Es geht weiter den tollen Küstenweg entlang, der hinter jeder Biegung weitere malerische Aussichten bietet.





- Allerdings spüren wir heute von Schritt eins an Wehwehchen: die Füße, die Blase, die sich langsam bildet, die Füße, Matthäus Knie, die Füße – au.

- Daher ist das Vorankommen eher träge und langsam heute.
- Außerdem machen wir ziemlich genau alle drei Kilometer Pausen – mit Keksen, Tee und Wasser und beobachten dabei: Wasser brauchen wir heute deutlich mehr als gestern, Essen dafür weniger.

- Der Weg verläuft, wie wir es schon gut von gestern kennen: Es geht bergauf, dann geht es bergab, dann überquert man einen Bach und dann geht’s wieder von vorne los.

- Die Bachquerungen waren gestern schon krass – das Wasser steht überall sehr hoch – aber heute sind sie – sicher auch dank Müdigkeit – noch krasser.
- Jedes Mal, wenn wir eine Brücke sehen, stoßen wir fast schon Jubelschreie aus, da uns diese crazy Balanceakte über teilweise nasse Steine erspart.

- Wir erreichen eine Sehenswürdigkeit von hier, ein Hinkelstein, was uns dazu bewegt zu überlegen, ob das Dorf, aus dem Asterix und Obelix stammen, wohl hier in der Nähe sei – später schauen wir nach und finden heraus: Tatsächlich liegt es an der Küste in der Bretagne, allerdings nicht da, wo wir vorbeikommen.
- Wir treffen weit und breit niemanden bis kurz vor Douarnenez, als sich die Wege füllen mit Kurzstrecken-Wanderern und Hunde-Gassi-Gehern.








- In Douarnenez muss man fieserweise rund ums Hafenbecken spazieren und schließlich rund ums andere Becken, um zur Brücke zu gelangen.
- Am Weg dahin sprechen uns zwei Wanderer an, die erzählen, sie seien auch am GR34 unterwegs und hätten unsere frischen Fußspuren schon den ganzen Tag gesehen.
- Leider ist unser Blut aus dem Hirn in die Beine geschossen und unser übrig gebliebenes Französisch eher spärlich – ich brauche circa zwei Minuten, um einen Satz (und dann auch noch falsch) zu formulieren.
- Aber sie sind so lieb und warten geduldig.
- Bei der Unterkunft, dem stilvollem Hotel im Herrenhaus, kommen wir statt wie angekündigt um 16 Uhr um 17:42 Uhr an, doch die Dame, die, glauben wir, auch die Besitzerin ist, begrüßt uns genauso freundlich wie eh und je.

- Wir beziehen unserer Zimmer, waschen Wäsche (wobei die Hosen dank Gatsch sehr sehr dreckig waren) und gehen dann Essen im Restaurant im Hotel (weiter schaffen wir’s beim besten Willen nicht).

- Ente, Fischfang des Tages und Mousse au Chocolat – njam!
- Matthäus später: „Boah, angeblich lag ich noch vor kurzem ohne Schmerzen in diesem Bett!”
Donnerstag, 7. März


“Oh nein, ich mache Strandurlaub”
- In unserem wunderschönen Hotel gibt es – wie wir es schon kennen und lieben – um 7 Uhr gutes Frühstück, das uns Schwung gibt für den Tag.


- Durch den Fischerhafen von Douarnenez starten wir los und weiter an einem wunderschönen Kai mit Bilderbuch-mäßigen Häuserreihen auf der einen Seite und in den Wellen schaukelnden Segelbooten auf der anderen entlang.







- Die Sonne strahlt vom Himmel, die Bodenbeschaffenheit ist flach und entspannt, wie wir es heute brauchen, und besser könnte es nicht sein – wir machen also schnell einiges an Strecke.

- Über leicht wellige, bewaldete, aber schön flache Hügel geht es von einem sanft ins Meer fallenden Sandstrand zum nächsten.


- Hie und da spazieren wir den Sandstrand entlang, was uns total das Gefühl gibt, in den Niederlanden zu sein.

- Wir stellen Überlegungen an, einen Trip nach Brest zu unternehmen, um neue Wanderschuhe zu kaufen, da meine Sohle ausschaut, als könne sie sich bald ablösen.







- Diese werden aber später verworfen, es gibt in ein paar Tagesetappen ein Sportgeschäft direkt am Weg.
- Auf den Stränden ist einiges los – viele Leute gehen im tollen Sonnenschein spazieren und manche surfen.
- Hier gibt es am Wegesrand sogar so Eco Klos die öffentlich zugänglich sind.


- Einmal sind wir gezwungen, bissi Umwege zu gehen, da wir zu Dünen gelangen (sind wir wirklich nicht in den Niederlanden?!), wo zwischen den Hügeln einiges an Wasser steht – es erinnert an das “der Boden ist Lava”-Spiel.





- Zum Glück haben wir einen Scout, dessen Weg wir folgen.
- Kurz darauf kommen wir zu einer Stelle, bei der wir über Felsen kraxeln müssen, was uns ganz überrascht, so schön flach wir die Wege bisher waren.

- Bei steileren Stellen gibt es übrigens meist Treppen, die wir mit unseren müden Beinen und Matthäus Knie recht challenging finden.











- Am Schluss, bevor wir ins Landesinnere abbiegen, kommen wir an einen gaaanz langen Sandstrand, an dem eine Crêperie und Bars und Cafés liegen und wo sehr viele Menschen unterwegs sind.
- Aus irgendeinem Grund sind diese alle grantig und schlecht drauf, so nach dem Motto “Oh nein, ich mache Strandurlaub.”
- Dass ich gerade meinen 22-Kilometer-Durchhänger habe, hebt die Stimmung nicht gerade.

- Heute haben wir am Weg die ganze Zeit von der Küste aus Douarnenez kleiner werden gesehen und wir sehen auch wieder die beiden Militärschiffe, die wir schon gestern entdeckt haben beim Manöver Fahren.





- Die Crêperie und Bars haben allesamt zu (vielleicht erklärt das die schlechte Stimmung am Strand), nur ein kleines Café macht in zehn Minuten auf. Also chillen wir kurz davor und schauen dann pünktlich nach Türöffnung hinein. Es gibt Kaffee und Tee, aber die Snacks gehen über Snickers nicht hinaus – etwas dürftig, haben wir doch hier das Abendessen eingeplant – upsi.

- Wenig gestärkt aber bissi ausgeruht geht es auf die letzten Kilometer nach Saint Nic und zu Kerklody, wo wir die Nacht verbringen.


- Der Besitzer empfängt uns mit seinem kleinen Hund, zeigt uns das Zimmer und fragt – voll nett – ob er uns zum Restaurant fahren soll.
- Wir sind so hinnig allerdings, dass wir einfach im Zimmer chillen möchten und dann gute Nacht!

Freitag, 8. März


Le jour des chiens – der Tag der Hunde
- Gestern hat unser Host den Fehler gemacht, uns zu fragen, wann wir frühstücken möchten, worauf hin wir “6:30 Uhr” geantwortet haben – und ich bissi enttäuscht war, als er ohne mit der Wimper zu zucken gemeint hat “Kein Problem.”
- 6:30 Uhr it is: Er und seine Frau sind schon wach, haben Kaffee gemacht, leckeres Pain au Chocolat und Croissant stehen am Tisch und zu unserer absoluten Wonne bringen sie uns auch noch frische Baby-Crêpes – moah!

- Ich zahle und quatsche kurz mit den beiden (auf Französisch I’m proud to say ) über das Wetter (grau in grau), über ihren Hund, über unsere hehren Pläne für das Wandern und über den Menez-Hom, den Gipfel hier in der Nähe.

- Sie sind einfach wunderbare Hosts mit einem wunderschönen Zimmer für uns und wir sind fast schon traurig, dass wir aufbrechen müssen.
- “Hier könnt ich auch noch ein paar Nächte bleiben.”, sage ich und Matthäus entgegnet: „Das hast du bisher immer gesagt!”
- Auf geht es in einer riesigen Schleife zu besagtem Menez-Hom, den wir natürlich erklimmen – mit 330m der erste Gipfel!









- Heute hab ich einen etwas verschlafenen Tag und komm nicht so richtig in die Gänge, aber Gott sei Dank ist Matthäus gut drauf und ready.

- Trotzdem finden wir es beide demotivierend, am Gipfel entspannte Leute ohne Trinken zu sehen (der Parkplatz ist fast neben dem höchsten Punkt).
- Hinunter geht es zu der großen Térénez-Brücke, die wir queren müssen, wobei sich am Weg dahin überflutete Feldwege mit asphaltierten Straßen abwechseln.







- Einmal gehen wir einen Weg/Bachweg entlang, der ausschaut “Als hätte jemand Punkt A und B gelegt und auf gerader Linie den Weg durchs Dickicht gehauen.”, so Matthäus.
- Vor der Brücke machen wir auf einem Banktisch Pause, als auf einmal zwei Hunde die Cabanossi wittern und dahergesprintet kommen – “Meins!”, sage ich da nur.

- Die Brücke selbst ist schon nice, außer dass auch Autos darüber fahren, aber gut.
- “Sei dankbar”, meint Matthäus, „sonst hätten sie die Brücke nicht gebaut.” – guter Punkt.


- Das Café am anderen Ende ist – leider – zu.
- Über einen Waldweg am Ufer entlang geht es weiter in ein kleines Dörfchen, in dem der Weg aus uns unerfindlichen Gründen einen unsinnigen Schlenker macht – so sehenswert sind die drei Bauernhöfe jetzt auch nicht.






- Bei einer Kreuzung wundern wir uns zuerst, dass der Hof, zu dem einer der Wege führt, ein großes Schild “privée” und ein gebasteltes Schild für den GR34 angebracht hat – aber nur, bis wir uns am offiziellen Weg durchs Gestrüpp und über umgefallene Bäume kämpfen.




- Auf der Straße, die nach Le Faou hineinführt, begegnen wir einem alten Mann, der uns fragt, ob wir den GR34 machen und “Quelle pays?” – es spricht für unsere Verfassung, dass wir drei Anläufe brauchen, bis wir die Frage verstehen.

- Le Faou ist klein, aber super schön mit bretonischen alten Steinhäusern und einen voll lieben Plätzchen.


- In einem der kleinen Häuser ist zu meiner großen Freude unsere Unterkunft und mit Hilfe einer freundlichen Nachbarin finden wir unser Zimmer.


- Abendessen gibt’s in der Crêperie nebenan, die – that goes without saying – köstliches Essen serviert und mega guten Cidre, den man aus so Schalen trinkt.

- Die Kellnerin und der Koch sprechen sogar ein paar Fetzen Deutsch mit uns.
Samstag, 9. März


Nach der Pause ist vor der Pause
- Der Tag startet super – mit einem Besuch in dem voll lieben kleinen Spezialitäten-Laden, in dem der Besitzer gleich erfreut daher kommt und sein echt gutes Deutsch auspackt, uns einen Haufen Zeug verkauft und mit uns quatscht.

- Von ihm erfahren wir, dass hier am Anfang November letztes Jahres ein riesiger Sturm gewütet hat (Le tempest) und viel zerstört hat.
- Seitdem regnet es richtig viel, was aber normal für die Bretagne ist und weshalb alle Flüsse und Bäche viel Wasser haben.
- Wir erstehen eine wahrliche Gourmet-Jause – zielsicher wähle ich die Saint-Jaques-Muschel-Pastete aus Douarnenez aus – njam.
- Als nächstes machen wir noch einen Abstecher zum Bäcker, wo wir uns mit Baguette und Frühstück eindecken.

- Dort kommen wir wie immer mit allen Kunden in der Schlange ins Gespräch – es ist super gesellig und wir treffen sogar einen anderen Fernwanderer, mit dem wir gemeinsam über den schlechten Zustand der Wege sudern können – nice.
- Passenderweise regnet es mittlerweile – ein nasser, sanfter Nieselregen, der sofort oder auch nie enden könnte.
- Wir ziehen also die Regenponchos an und machen uns auf die gatschigen Feldwege Richtung La Vallée du Rivoal.









- Ich bin irgendwie total K.O. heute – ein richtiges Tag-3-Feeling und der Regen hebt die Stimmung nicht gerade.
- Immerhin gönnen wir uns in einer Regenpause zwei Pain au Chocolat als Frühstück.

- Zwischendurch hören wir Hörbuch, um uns ein bisschen abzulenken und da uns beiden nicht so nach reden zumute ist.
- Eine weitere Regenpause nutzen wir fürs Mittagessen mit echt köstlicher Salami, herrlichem Baguette und weichem Käse, der schon am Brot dahin schmilzt.


- Für die Stimmung zeigt sich sogar die Sonne – mega!
- Weiter geht es – oft auf Straßen, die aber gar nicht stark befahren sind.











- Recht gegen Ende wandern wir das Tal entlang – durch einen Wald steigen wir zum Fluss ab- und sind schockiert: Der halbe Wald wurde durch den Sturm in Mitleidenschaft gezogen.



- Dementsprechend schauen auch die Wege aus und an einer Stelle werden wir sogar umgeleitet – immerhin ist die Umleitung nicht länger, nur mit mehr Höhenmetern.








- Wir sind heilfroh, als wir das Haus, unser Quartier, in der Ferne auftauchen sehen.
- Tatsächlich werden wir mit einem im Kamin brennenden Lagerfeuer und von einer sehr geduldigen und freundlichen Lady, Veronique, empfangen, die bestätigt, wie krass der Sturm sie hier getroffen hat.

- Außerdem zeigt sie uns das Zimmer mit dem offenen Kamin und erklärt, das sei ein altes traditionelles bretonisches Haus und das Zimmer sei noch original eingerichtet – Wahnsinn! Wirklich toll und da dürfen wir gemütlich warmen Tee trinken, die Füße hochlegen und entspannen!


- Zum Abendessen haben wir uns Mikrowellen-Essen vom Feinkostgeschäft mitgenommen, wenig berauschend, aber immerhin warm.

