
Vom La Vallée du Rivoal
bis Gouarec
Sonntag, 10. März


Mäh Schaf, mäh
- Obwohl wir gedacht haben, es gibt keines, bereitet Veronique für uns ein herrliches Frühstück vor.
- Veronique, die geduldige Lady, ist überhaupt super lieb, kommt regelmäßig her und fragt, ob wir was brauchen, und strahlt richtige Großmutter-Vibes aus.
- Gestärkt geht es los, durchs Tal und dann hinauf Richtung Mont d’Arrée.

- Veronique hat uns ja vom Sturm erzählt und wie schwer die Schäden hier waren und heute am Weg sehen wir es überall mit eigenen Augen: umgefallene Strommasten, Stromleitungen, die herunterhängen, Bäume umgeknickt wie Streichhölzer – kein Wunder, dass noch niemand Zeit und Energie hatte die Wanderwege freizuräumen.
- Daher ist das Vorankommen mühsam und noch dazu geht es mir sowohl moralisch als auch körperlich nicht gut heute und als wir nach zwei Stunden wandern fünf Kilometer (von unseren geplanten 35) geschafft haben, fragen wir uns ernsthaft, wie das gehen soll bitte.
- Ein Lichtblick ist eine Schafherde, die, als sie uns sieht, allesamt angelaufen kommen und laut “mähen”.


- “Schau Marie”, meint Matthäus, “sie feuern dich an!” Mooi <3
- Wir finden eine Lösung für unser Dilemma und beschließen, südlich statt wie ursprünglich geplant nördlich um den See herum zugehen, was den Weg um etwa sechs Kilometer verkürzt – eine nicht unwesentliche Distanz beim Wandern.
- Als wir nach drei Stunden auch schon neun Kilometer geschafft haben, werden wir etwas zuversichtlicher.





- Die Hohlwege, die die Wanderwege entlang führen, bleiben allerdings oft überschwemmt – teilweise fließen richtige Bäche hinunter und umgefallene Bäume, die quer über den Weg liegen, kommen auch bis zum Schluss vor.

- All das nimmt allerdings nichts von der Schönheit des Nationalparks.
- Bald schon erreichen wir die weite, kahle und fast steppenmäßig anmutende Landschaft rund um den See, die uns ein bisschen an den Yellowstone Nationalpark erinnert, nur mit kalten statt heißem Wasser.

- Oben auf dem Hügel, gerade als wir unser erstes Hörbuch fertig gehört haben, kommen uns zwei Radfahrer entgegen und beim Anblick des holprigen, ausgefurchten Weges ruft eine von ihnen sehr treffend aus: “Oh lalalala!”






- Allerdings! Am See führt der Weg auch stückweise durch einen lichten Wald, wobei wir beim Anblick dessen schon die Krise kriegen, weil in unseren Köpfen schon massig umgefallene Bäume auftauchen – nicht zu Unrecht.


- Ich begehe dann zu allem Überfluss auch noch den schwerwiegenden Fehler uns mit den Commentators Curse zu belegen und sage: “Nichts kann mich heute noch schockieren!”
- Kurz darauf liegt ein riesiger Baum mitsamt Krone auf dem Weg, durch den wir uns durchschlagen müssen – fast wortwörtlich.




- Um das ganze Schlamassel (badumm-tss) perfekt zu machen, beginnt es auch noch zu regnen.

- Wir sind dementsprechend erleichtert, als wir das Quartier für heute Nacht erreichen – obwohl wir beim Anblick zerfallener Häuser an dessen Google Standort erst einmal einen Schock bekommen.

- Zum Glück entdecken wir den Bauernhof, auf dem wir unterkommen, und treffen beim Eingang den Landwirt, der passenderweise gerade dabei ist, einen Baum zu fällen und uns aber freundlicherweise das Quartier zeigt.
- Wir gönnen uns unser Mikrowellen-Essen und legen die Füße vorm Kamin mit brennenden Feuer hoch.


- Es gibt genug Holz zum Nachlegen und wir rächen uns gewissermaßen an all den Bäumen am Weg, indem wir volle Wäsche nachlegen und die Temperatur in unserer Unterkunft in die Höhe schießt, wodurch immerhin unsere Schuhe trocknen.
Montag, 11. März


Lang ersehnte Pausen-Etappe
- Endlich unser lang ersehnter Pausen-Tag 😀


- Die 4km nach Huelgoat sind – echt typisch – super easy cheesy lemonsqueezy und wir sind im Nu da.
- Als wir uns dem Hotel nähern, stelle ich bisschen enttäuscht fest: “Schau Matthäus, nur ein Zimmer hat einen Balkon.”

- Dreimal dürft ihr raten, welches Zimmer wir bekommen – unser Glückstag ist heute!

- Als ersten Akt im Zimmer waschen wir unsere Wäsche (praktisch alles, was wir mithaben) und das von Hand!


- Wie auf der Route 66 hängt nachher unser Zeug überall herum zum Trocknen.
- Zum Mittagessen gönnen wir uns einen Besuch in einer Crêperie um die Ecke.
- Huelgoat ist ein voll nettes kleines Städtchen, sehr schön an einen See gelegen.
- Die Crêperie passt sehr gut in den Ort: klein und urig und eine One-Lady-Show.
- Besagte Lady zaubert wahrlich köstliche Crêpes auf unsere Teller, sowohl süße als auch deftige Hauptspeisen.
- Wir genießen das Zwei-Gänge-Crêpe-Essen und zum Abschluss gönne ich mir sogar noch einen Espresso – so lässt sich’s leben!
- Den restlichen Nachmittag verbringen wir damit, die nächsten Etappen zu planen und insbesondere Übernachtungen zu buchen.

- Dringend notwendig, da wir zum Beispiel für morgen noch nichts gebucht haben.
- Tut uns auf jeden Fall sehr gut der Chiller-Nachmittag, vor allem nach den letzten Etappen.
- Am Abend haben wir Talking Hands Meeting.
- Und nachher geht’s ins Hotel Restaurant zum Essen.

- Da gönnen wir uns ein Drei-Gänge-Menü – auch super nice nach all den Mikrowellen-Essen.
- Dazu gibt es leckeren Cidre aus der Gegend – in einer Kanne serviert – njam!
- Die Vorspeise – Lachs in selbst kreierter Zitronensauce – ist einfach köstlich.
- Während des Essens spielt es super Musik, die ich gleich nutze, um die “E5 Frankreich Playlist” zu erstellen, die ihr hier auf Spotify findet.
Dienstag, 12.März


Chèque bancaire
- Gestärkt vom Frühstück und dem Ruhetag machen wir uns auf den Weg nach Carhaix.
- Zuerst einmal geht es auf kleinen, aber feinen Wegen etwas abenteuerlich über einen Hügel – teilweise einen Mountainbikeweg entlang – allerdings durch den wunderschön verwunschenen Huelgoat Wald, zu dem uns Mama gestern einen Link geschickt hat.







- Bald schon erreichen wir die “Voie Vert” (grünes Gleis/Spur), der wir den restlichen Tag folgen werden, was uns sehr freut, da der Weg auch für Fahrradfahrer konzipiert ist und dementsprechend entspannt zum Entlangwandern ist.
- Wir kommen daher richtig schnell voran, was uns total motiviert und anspornt.

- Das einzige, was die Stimmung bisschen trübt, ist der Regen, ein andauernder Nieselregen, der einfach kein Ende nehmen will.

- Wir machen mehrere kürzere Pausen und erst gegen Ende brauchen wir ein paar mehr und längere Pausen.









- Einmal, als wir es uns gemütlich auf einem ENDLICH gefundenen Bankerl gemacht haben (die Abstände zwischen den Bankerln sind eher für Radfahrer angelegt), kommt ein Landwirt daher und düngt das Feld direkt vor uns – Are you kidding me?!

- Als er direkt vor uns vorbei fährt, reicht’s sogar mir und er hat uns erfolgreich vertrieben – Scherzkeks!
- Zum Schluss gehen wir über die Straße nach Carhaix.
- Netterweise gibt es einen Fußweg, wobei allerdings das Absperrgeländer an manchen Stellen schon mega demoliert ist, was einen noch froher über den separaten Fußweg macht.




- Carhaix ist ein merkwürdiger Ort, irgendwie gesichtslos und – in lack of a better word – schiach.
- Wir statten dem Lidl einen Besuch ab, wobei wir schockiert sind, als die Frau an der Kasse vor uns mit Scheck bezahlt?!?
- “Ich hab mir gedacht, diese Zahlungsmöglichkeit ist längst ausgestorben und gibt es nur noch in amerikanischen Gangsterfilmen.“, sage ich zu Matthäus. Falsch gedacht.

- Das Quartier hat uns noch gar nicht erwartet, aber nach kurzen Startschwierigkeiten können wir schon hinein, relaxen und backen uns zum Abendessen eine Quiche auf.
Mittwoch, 13. März


Canal de Nantes à Brest
- Unser erster Marsch heute ist zum Bäcker, wo wir Pain au Chocolat, Baguette und Paninis für heute Abend besorgen.

- Am Weg aus Carhaix hinaus begegnen wir einem älteren Herrn, der uns fragt, wohin wir wandern und ob wir die Leute hier nett finden und uns dann einen “Bonne marche” wünscht.
- Mit den Leuten, das muss an dieser Stelle mal gesagt werden, haben wir bisher nur positive Erfahrungen gemacht: Uns sind Menschen begegnet, die große Gastfreundlichkeit, Geduld, und auch Interesse an uns und unserer Unternehmung an den Tag gelegt haben.
- Nun führt der Weg entlang des Canal de Nantes à Brest, eine wunderschöne Strecke, bei der man immer wieder an Schleusen und zugehörigen Schleusenhäuschen vorbei kommt – toll!
- Es ist ein easy cheesy Weg, der sehr flach ist und offenbar auch eine beliebte Bike- Trekking-Strecke, zumindest begegnen uns so einige Radfahrer, die dafür gerüstet ausschauen.







- Einer von ihnen fragt uns ganz ungläubig: „Ihr wandert den ganzen Kanal entlang?!”, als ob das so viel verrückter wäre als den ganzen Kanal mit dem Rad entlang zu fahren.







- Wir haben uns übrigens gedacht: Es wäre echt cool, wir würden Weitwanderer treffen, die weiter wandern als wir, aber Matthäus malt sich die Chancen eher gering aus.
- Das einzige Sekante ist, dass sich die Sohle meiner Schuhe gestern abgelöst hat und ich sie jetzt provisorisch mit Tape befestigt habe – die Konstruktion haltet immerhin sogar bis Kilometer 20, dann gerade (logisch eigentlich) als wir auf dem Weg hinauf nach Gomel, der etwas unwegsamer und gatschig ist, abbiegen, gibt das Tape seinen Geist auf und sie schlappen herum.

- Gomel ist unspektakulär und sehr verschlafen, außer dass gerade eine Menge Menschen in die kleine Kirche strömt.
- Dem Durchschnittsalter der Leute nach wahrscheinlich zu einem Begräbnis?!
- Um ein Haar könnte gleich ein zweites folgen, denn einer der Opas fährt mich beim Ausparken fast über den Haufen.

- Wir sind froh, als wir wieder den grünen Kanal erreichen, bei dem die größte Gefahr Fahrradfahrer darstellen.









- Ein Stück geht es entlang, dann erreichen wir auch schon unsere Unterkunft, die “Maison du Canal” – von einem britischen Paar geführt.


- Rob begrüßt uns mit den Worten “Ah I saw the Dutch address and was so happy, because usually that means you can speak English.“ – sichtlich erleichtert – da sind wir schon zu zweit.

- Zuerst gönnen wir uns einen Kaffee und Kakao im Zimmer und schließlich hupfen wir ins Schwimmbad. 🙂

- Der einzige Drawback ist: Es ist ziemlich kalt im ganzen Haus und auch wenn die Wassertemperatur ca. 26°C beträgt, kühlt man im Wasser ganz schön schnell aus.
Donnerstag, 14. März


Neue Wanderschuhe
- Zuerst einmal gibt es heute ein riesiges und super leckeres Frühstück, das wir in vollen Zügen genießen, versteht sich.

- Dann packen wir langsam ein, kommen in die Gänge und starten nach einem kurzen Plausch mit Rob los: Dieser erzählt uns, dass auch hier der Sturm im November gewütet hat und sie damals zwei Wochen ohne Strom waren.
- Er zeigt uns auch, wie wir auf entspanntem Weg nach Rostrenen gehen können, was wir sogleich tun und überrascht sind, wie schön die Wege tatsächlich sind.






- Im Einkaufszentrum finden wir sogleich das Sportgeschäft, vor dem ich meine Schuhe ausziehe, weil sonst kann ich das den Verkäufern nicht antun.
- Am Donnerstagvormittag ist das Geschäft schön leer und alle kümmern sich lieb um uns.
- Das erste Paar Wanderschuhe, das ich anprobiere, passt sogleich und ist auch im Angebot – perfekt!


- Ich behalte die alten sicherheitshalber noch zum Wechseln, ziehe aber mit den neuen los auf Etappe 10.
- Heute führt unser Weg über die Voie Vert, die passenderweise direkt hinter dem Sportgeschäft entlangführt, bis nach Gouarec.








- Die Strecke ist insgesamt nicht lang und wir kommen super voran, also sind wir im Nu auch schon im kleinen, aber feinen Dörfchen Gouarec, wo wir in einem kleinen Tante-Emma-Laden fürs Abendessen und Snacks einkaufen.



- Unsere Unterkunft ist schön gelegen im Herzen des Ortes und von Briten geführt, die wir nicht treffen, die aber dem Info-Flyer nach sich mit dem Haus den Traum eines BnB’s erfüllt haben.
- Es gibt alles, was wir brauchen, insbesondere sehr gemütliche Sessel.

- Abendessen, jitsi mit meiner Familie und gemütliches Schreiben stehen noch am Programm.

- Und dazu gönnen wir uns Popcorn – njam!













