E5 Etappen 41-45

Von Crécy-Couvé

nach Paris

Montag, 15. April

“Ihre Abreise naht leider”

  • schreibt uns unsere Unterkunft für heute Nacht, als wir gerade noch in der vorigen Unterkunft frühstücken.
  • “Wir sind noch nicht einmal angekommen!”, meine ich zwischen zwei Bissen vom Croissant empört.
  • Wir verbringen den Vormittag in unserer entspannten Unterkunft, da ich noch ein Telefonat bezüglich Digi-Forms mit der TU Delft habe.
  • Zu Mittag brechen wir auf unsere kurze Ausruh-Etappe nach Dreux auf.
  • Via einer sehr flachen Strecke und wunderschön trockener Feldwege zwischen blühenden Rapsfeldern erreichen wir die Stadt. 
  • Über eine richtig schöne Steinbrücke überqueren wir die “Blaise”.
  • Einmal sehen wir Markierungen, die ausschauen, als hätte hier ein Lauf vorbeigeführt – mit Herzerln – mooi.
  • Und wir kommen an einer Bibliothek vorbei, die in einem alten Fachwerkhaus untergebracht ist – sehr, sehr schön. 
  • Als wir auf dem Radweg neben einer größeren Straße entlanggehen, sehen wir etwas kurioses: 
  • Ein Auto fährt an uns vorbei mit einem Anhänger, auf den ein Rasenmäher-Traktor mit einer roten Haube geladen ist. Es wäre gar nicht so auffällig, hätte sich nicht die Rasenmäherhaube gelöst und würde nun, nur noch an einer Schnur mit dem Hänger verbunden, hinterher gezogen. Wir überlegen gerade, ob und wie wir den Fahrer darauf aufmerksam machen sollen, als vor unseren Augen besagte Schnur reißt und die Haube quer über die Straße auf die Gegenfahrbahn schlittert – direkt vor ein von der Gegenrichtung daherkommendes Wohnmobil. Kurz bekommen wir einen riesen Schreck und denken, gleich Zeugen eines Unfalls zu werden, doch Gott sei Dank schlittert die Haube weiter quer über die Straße – ah, direkt auf uns zu! Kurz kriegen wir wieder einen Schreck von einer Rasenmäherhaube erschlagen zu werden, doch Gott sei Dank schlittert sie direkt vor uns in den Grünstreifen zwischen Straße und Radweg und kommt dort zum Liegen – direkt vor uns. Das Auto fährt unbeirrt weiter, vermutlich hat’s der Fahrer nicht einmal bemerkt, nur der Wohnmobilfahrer schaut etwas erschrocken.
  • Dreux ist wirklich eine der größeren Städte, die wir am E5 durchqueren, und versetzt uns erst einmal einen Schock mit all den Menschen, Autos, Lärm und Gewusel – das sind wir nach den Nationalpark-Etappen gar nicht mehr gewohnt!
  • Unsere Unterkunft ist mega zentral, nahe beim Hauptplatz.
  • Als wir ankommen, ist die Putzfrau noch da, also beschließen wir, erst der Domaine Royale einen Besuch abzustatten.
  • Diese thront über der Stadt und beherbergt die Gräber der französischen Königsfamilien.
  • Ursprünglich gebaut wurde sie als Festung, aber mittlerweile ist es ein Prachtbau in vollem Glanz.
  • Besonders toll ist ein langer Gang, durch den man in die Katakomben des Kathedralen-artigen Gebäudes gelangt und von dort aus über eine majestätische Treppe hinein – was einen richtigen “Wow”-Effekt auslöst.
  • Als wir unsere Unterkunft schließlich beziehen, haben wir zuerst einmal einen Schreck: “Dumme Frage”, meint Matthäus: “Aber wo ist eigentlich das Bett?!”
  • Ah, stellen wir schließlich fest: Es ist ein Ausziehsofa und sehr bequem!
  • Wir bekommen langsam Hunger (Waschmaschine ist schon eingeschaltet), also denken wir, wir nutzen die Vorteile, die größere Städte mit sich bringen, und bestellen etwas; was gut ist, da alles Gewand in der Wäsche ist und wir nur mit Handtüchern bekleidet sind. 
  • Es kommt uns doch etwas dekadent vor, als wir entdecken, dass die Pizzeria, bei der wir bestellt haben, direkt gegenüber von unserem Haus am Platz liegt und man sie von unserem Fenster aus sogar sieht… 

Dienstag, 16. April

Die ersten 1000 km des E5 sind geschafft! 

  • Heute geht es auf einer ordentlichen Monsteretappe nach Gressey, das ich beim Planen und Unterkunft Suchen schon richtig Österreichisch “Grässi” genannt habe, weshalb wir jetzt jedes Mal wie so Teenager kichern müssen, wenn wir den Namen hören oder lesen.
  • Es ist super sonnig, obwohl uns zwischendurch auch kleinere Regenschauer überraschen, aber nichts, was nicht schnell wieder in der folgenden Sonne trocknet. 
  • Die Wanderwege haben das übliche Flair: Feldwege, Waldwege, Sträßchen, blühende Rapsfelder, kleinere Schlösschen.
  • Manchmal führt der Weg durch kleinere Ortschaften. 
  • Den meisten Teil der Strecke sind wir aber fernab jeder Zivilisation mitten im Wald, wie wir es kennen, und wir fühlen uns wieder in unserer Comfort-Zone nach dem Stadt-Trubel gestern. 
  • Die Wege sind schnurgerade und führen auf riesige Kreuzungen und Rotonden mitten im Wald, wie man sie nur in Frankreich findet.
  • Zur Pause entdecken wir einen Platz mit Bankerl und Tisch bei einem kleineren Ort, was super gemütlich ist – mit Spielplatz!
  • Heute bei Kilometer 26, haben wir ausgerechnet, haben wir die ersten 1000 Kilometer unseres Weitwanderweges zurückgelegt – wow, das ist echt ein Meilenstein!
  • Stolz schießen wir ein Foto zur Feier des Tages (und hier findet ihr den Blog-Artikel zu unseren Highlights, Lowlights und eine Wanderstatistik zu den ersten 1000km am E5!)
  • Weiter geht es über Felder, wo man Gressey ärgerlicherweise schon in der Ferne sieht, allerdings noch einen ur sekanten Schlenker machen muss, da einige Felder im Weg sind. Na super!
  • Endlich erreichen wir den Ort und beziehen unsere tolle Unterkunft in Form einer “Chambre d’hôtes”, wo wir von einer tollen Lady begrüßt werden, die hier gemeinsam mit ihrer Mama wohnt und hie und da Gäste in ihrem extra Zimmer mit eigenem Bad beherbergt.
  • Es gibt sogar einen Pool, aber der wird leider gerade rennoviert =(
  • Als wüsste sie, dass eine Feier angebracht ist, hat sie eine Lasagne für uns gebacken, schenkt uns dazu ein Glaserl Rotwein ein und gemeinsam essen wir zu Abend – allerdings nur zu dritt, da ihre Mama, meint sie, eher schüchtern sei. 
  • Unser Französisch ist mittlerweile so gut, dass wir sogar eine halbwegs sinnvolle und etwas tiefer gehende Konversation beim Abendessen führen können und uns sehr gut mit unserer Gastlady unterhalten.

Mittwoch, 17. April

Olympia und Sushi

  • Um halb acht frühstücken wir gemeinsam mit unserer Gastgeberin, die allerdings bald schon aufbrechen muss in die Arbeit.
  • Das trifft sich gut, denn wir haben ein New Hope/ Talking Hands Meeting um 8 Uhr vereinbart, in das wir uns dann gleich einwählen.
  • Um 10 Uhr startet der Verkauf der Tickets für die Olympischen Spiele, wo wir gerne probieren möchten, Tickets fürs Klettern bei Olympia zu ergattern.
  • Also loggen wir uns beide mit unseren Handys ein und refreshen, als der Vorverkauf startet, wodurch wir prompt beide in der Warteschleife landen.
  • Alle Hoffnung schon aufgebend warten wir resigniert, als auf einmal auf meinem Handy die Ticket Webseite geöffnet wird. 
  • Schnell gebe ich das Handy Matthäus, der in solchen Situationen noch besser kühlen Kopf bewahrt, und er schafft es, Tickets für das Finale der Herren und das Halbfinale der Damen im Lead zu kaufen! Wooow!!
  • Ich bin so gehypt, dass ich den restlichen Tag immer wieder aus dem Nichts “Goo, Jaakob!!”, “Gooo, Jessi!!!” rufe – in den Wald hinein… (Für alle, die nicht so in der Kletterszene beheimatet sind, Jakob Schubert und Jessica Pilz repräsentieren Österreich bei den Olympischen Spielen 2024 im Klettern.)
  • Mega! Vorfreude, Vorfreude!! (Ein Artikel zu unserem Besuch bei den Olympischen Spielen in Paris folgt natürlich – aber nur schon als kleiner Teaser, es war wirklich ein Wahnsinns-Erlebnis!)
  • In richtiges Aprilwetter starten wir endlich unsere Etappe über Felder und entlang einer Bahnstrecke, wobei wir hier unserer eigenen Eingebung folgen (immer eine gute Idee) und statt der Straße den Feldweg nehmen, wodurch wir uns zum Schluss gezwungen sehen, uns ein bisschen wild durch den Wald einen Weg zu bahnen. 
  • Eine richtig steile Brücke führt uns über die Autobahn.
  • Weiter, vorbei an einer schon vor dem Zerfall stehenden befestigten Klosteranlage.
  • Im Nichts entdecken wir eine Busstation mit wartenden Eulen (“Von hier fährt wahrscheinlich der Bus nach Athen.”, sage ich zu Matthäus.)
  • Schließlich führt unser Weg in den Wald und wird zunehmend gatschiger, teilweise schon fast sumpfig, übergehend in See-ähnliche Zustände.
  • Noch dazu beginnt es zu regnen und wir sind semi-happy. 
  • Der Wald ist, das muss man lassen, wunderschön, vor allem, da der Frühlingsbeginn an allen Ecken Einzug hält: Frische grüne Knospen bilden sich an den Baumästen, Obstbäume blühen und aus dem Waldboden sprießen Blümchen, die in saftigem Violett blühen.
  • Unser zweites Highlight des Tages ist wohl das Schild “Danger Zone de Chasse”, bei dessen Anblick wir sofort einen Ohrwurm des Liedes “Welcome to the Danger Zone” bekommen und Matthäus in düsterem Tonfall “de Chasse” ergänzt – ein running Gag, der uns auf der restlichen Wanderung erhalten bleiben wird.
  • Wir erreichen nach fast 30 Kilometern den Ort Montfort l’Amoury, der wieder einmal einen sehr schönen alten Ortskern hat, und finden unsere Unterkunft (dank wirklich guter Beschreibung) auf Anhieb im Hinterhof in einem Halbkellergeschoss.
  • Es erinnert uns an Bennies Appartement in NY in der Serie “Queens Gambit” – ein paar Stufen führen hinunter, wo sich die Tür zum Appartement befindet.
  • Zum Abendessen wollen wir etwas bestellen, doch es gibt nichts =( aaah! 
  • Immerhin entdecken wir stattdessen ein Take Away Sushi Lokal, das sehr gut auf Google bewertet ist und auch wirklich super leckeres Sushi hat – ein echter Genuss und sehr überraschend, hier im Nichts!

Donnerstag, 18. April

Versailles – “Ante Portas Paris” (a la Mama)

  • Den letzten Rest vom ur leckeren, karamellisierten Schafskäseaufstrich gönnen wir uns heute zum Frühstück – njam!
  • Dazu dürfen wir sogar Klettern schauen – ich bin happy!
  • Immerhin um halb 11 brechen wir auf auf die ganz schön lange Etappe heute – auf zu den Toren Paris’ nach Versailles.
  • Wir kommen so gut voran auf den flachen, breiten Wegen und sind so ins Gespräch vertieft, dass ich ganz überrascht bin, als ich zum ersten Mal auf die Uhr schaue und lese “1:02h” und “5,7km” – wirklich?! Das ist ja fast Komoot-Schnitt (wo ich “Profi” ausgewählt habe, wodurch Komoot automatisch von einem Gehtempo von 6.3km/h ausgeht.)
  • Den ganzen Tag führt die Strecke die Bahn entlang – hier fahren schon die Vorstadtzüge nach Paris hinein.
  • Und die Straßen werden auch größer, befahrener – es ist eindeutig: Wir nähern uns Paris und wie jedes Kind weiß: “Alle Wege führen nach Paris!” 
  • Ebenso merkt man an den Orten, durch die wir kommen, dass wir uns der Großstadt nähern: Sie werden zunehmend charakterloser, weniger schön und mehr Vororte voller Hochhäuser als schöne, schnuckelige Orte voller Steinhäuser.
  • Wir kommen sogar an einem riesigen Renault-Autohaus (oder Werkstatt) vorbei. 
  • Ein Mann, der gerade auf einem Bankerl Rast macht, spricht uns an und fragt uns, was wir machen, wohin wir wandern.
  • Als wir mit unserem gebrochenen Französisch unser Unterfangen beginnen zu erklären, unterbricht er uns im schönsten Deutsch und meint: “Ah, seid ihr aus Deutschland?” – What?!
  • Durch “Plaisir” – der Name ist gar nicht Programm, im Gegenteil, das ist die schirchste Vorstadt, durch die wir bisher gekommen sind – gelangen wir in einen letzten Wald vor Versailles.
  • Dieser ist bisschen hügelig und gerade will ich über den Aufstieg sudern, da taucht auf einmal hinter einer Biegung eine Wahnsinns-Aussicht auf: Auf Versailles, das Schloss, die Gärten und im Hintergrund erhaschen wir sogar einen Blick auf den Eiffelturm! 
  • Abgesehen davon ist die Wanderung durch den Wald gar nicht so rosig, denn anscheinend hat der Förster ein massives Problem mit Wanderern – zumindest hat er solide alle Bäume umgeschnitten mit einer Markierung darauf und sie kreuz und quer über dem Weg liegen gelassen – danke auch!
  • Vor den Toren des Schlosses schießen wir ein Finisher-Selfie und als wir sehen, wie vor uns jemand beim Eingang seinen gesamten Rucksack ausräumen muss, beschließen wir statt durch den Garten rundherum zu gehen. 
  • In der Villa, in der unser Hotel liegt (das haben wir uns heute gegönnt!), kommt zuerst einmal ein Herr/ Angestellter auf uns zu, der uns höflich in feinstem Französisch fragt: “Was macht ihr hier, bitte?!” 
  • Wir erklären dem erstaunten Herrn, das wir hier ein Zimmer reserviert haben, worauf er sich sichtbar beschämt tausendmal entschuldigt und uns sogleich zur Rezeption bringt.
  • Wir beziehen unser Zimmer im Winterpavillon und gönnen uns zuerst einmal zwei Stunden Schwimmbad, Spa, Sauna und Hammam – mega nice!

Freitag, 19. April 

Lunch Walk zum Eiffelturm

  • Unser Plan, vor dem Frühstück ins Spa zu gehen, wird kurzfristig umdisponiert, da das Spa noch nicht offen hat, da kein Badewaschl vor Ort ist.
  • Also gehen wir gleich Frühstücken zum mega Buffet, wo es sogar Eggs Benedict – mit Lachs – gibt. Gönnung!
  • Total satt und zufrieden (vielleicht sogar ein bisschen überessen) chillen wir uns dann ins Hammam, saunieren und planschen im Schwimmbad – nice!
  • Pünktlich um 12 Uhr checken wir aus und schauen noch einen Sprung in die Bar, in der wir unseren Welcome Drink bestellen – Champagner und Birnensaft und noch irgendwas – das Gegenteil von “Ihre Abreise naht leider” quasi.
  • Dann brechen wir auf – deutlich nach zwölf, weshalb meine Uhr die Wanderung als “Lunch Walk” betitelt – auf Etappe 45 hinein nach Paris.
  • Es startet ganz schön durch einen Wald, den wir da nicht vermutet hätten, und dann wechselt sich Vorstadt mit Parks ab, wobei die Bebauung immer dichter wird und die Grünflächen zunehmend künstlicher angelegt wirken.
  • Einer der Parks, durch die wir wandern, wird gerade saniert und es herrscht geschäftiges Sand-hin-und-her-Geführe und Am-Brunnen-Herumgehämmer.
  • Einmal gehen wir eine richtig schirche, große Straße entlang und sind ganz happy, dass wir gehen, denn die Autos stehen allesamt im Stau.
  • Die Stadt Paris selbst beginnt erst sehr spät, also zumindest das Ortsschild kommt viele Kilometer, nachdem wir schon durch Wohngebiete spaziert sind.
  • Ab hier beginnt ein Viertel Paris’, das wohl eher gut situierte Pariser bewohnen, denn ein 19.-Jahrhundert-Prachtbau reiht sich an den anderen – bisschen wie das Klischee-Paris, das man als Besucher der Stadt erwartet.
  • Endlich – obwohl wir ihn gestern schon aus der Ferne gesehen haben – taucht der Eiffelturm am anderen Seine-Ufer auf! Yeah!
  • Da machen wir natürlich einen Schlenker vorbei und spazieren entlang der Seine weiter in Richtung Innenstadt und Invalidendom.
  • Wir überqueren die Champs-Elysee – ich schieße das obligatorische Arc-de-Triomphe-Foto mitten auf der Straße und wir finden unser Hotel im fancy Viertel.
  • Die Rezeptionistin ist milde überrascht, dass so Wanderer des Weges kommen und bietet uns freundlicherweise gleich einen Willkommensdrink an, den wir dankbar annehmen.
  • Dann chillen im Zimmer und gute Nacht Paris!

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