Auf den Spuren der Ahnen

Montag, 22.1.2024

Auf den Spuren der Ahnen und der Memminger Mau

  • Heidi und Olli (Matthäus’ Tante und Onkel) haben uns zur Hochzeit eine Tour auf den Spuren von Matthäus’ Ahnen mit Besuch von Höfen und Orten, wo sie sich aufgehalten haben, geschenkt. 
  • Und da die beiden eine Wirtschaft betreiben, haben wir gedacht, dass es gar nicht so einfach wird, einen gemeinsamen Termin dafür zu finden – umso überraschter waren wir, als wir vor knapp einer Woche Olli angerufen haben und sich herausgestellt hat, dass sie heute Zeit dafür haben. 
  • Wir sind schon gestern Abend direkt von der Skitour bei ihnen angekommen und drum starten wir heute sehr entspannt mit einem gemeinsamen (und sehr fancy) Frühstück – es gibt sogar Lachs.
  • Nach diesem holt Olli einen Haufen Fotoalben und Dokumente heraus und gibt uns eine Einführung in die Familien Geiger/ Einsiedler. 
  • Ich versuche das, so gut ich kann, hier wiederzugeben, aber erhebe keine Garantie für Vollständigkeit und falls etwas der hier aufgeführten Dinge nicht passt, bitte nicht zögern und mich darüber informieren – dann bessere ich es aus. 
  • Matthäus’ Großeltern väterlicherseits, Matthäus Geiger und Elisabeth (geborene Einsiedler) Geiger haben die Bahnhofsgaststätte auf die Beine gestellt (die Heidi und Olli heute führen).
  • Elisabeth Einsiedler ist am 29.09.1927 auf die Welt gekommen (und 2010 verstorben) als älteste Tochter von Friedrich Einsiedler und Maria (geborene Wassermann).
  • Sie ist in Woringen auf einem Hof (mit dem Hofnamen „Bergmann“, aber mehr dazu gleich) nicht unweit von Matthäus Geiger mit ihren beiden Geschwistern Lydia und Georg aufgewachsen, direkt neben der heutigen Autobahn (A7).
  • Alle Höfe in der Gegend hatten Hausnamen, so eine Art Spitznamen, die den Höfen zugeordnet wurden und die oft von Berufsbezeichnungen kamen (z.B. “Schulhauser” oder “Lottawagner”), aber deren Ursprung man manchmal auch gar nicht mehr gut nachvollziehen kann. 
  • Elisabeths Vater, Friedrich, wuchs in einer Mühle ganz in der Nähe auf, wo wir mit dem Auto vorbeifahren. 
  • Elisabeths Mutter verstarb sehr jung (1945 mit 40 Jahren). 
  • Die Wirtin des in der Nähe gelegenen Wirtshaus Adler unternahm daraufhin Verkupplungs-Maßnahmen, um Friedrich Einsiedler mit einer weiteren Maria, die verwitwet war, zusammenzubringen. 
  • Und so kam es, dass eines Tages Matthäus Geiger, der die Einsiedlers schon kannte und damals schon als Schwiegersohn-in-Spe angesehen wurde, seinen Schwiegervater-in-Spe zu einem „Date“ (so romantisch wie das eben damals abgelaufen ist) zu führen, da er selbst keinen Führerschein hatte.
  • Matthäus wollte es sich dann im Wirtshaus mit einem Bier gemütlich machen und bat Friedrich ihn zu holen, wenn er mit dem „Kennenlernen“ fertig sei, doch dieser wollte davon nichts hören und nahm ihn kurzerhand als Wingman mit zu seinem „Date“. 
  • Das Kennenlernen war kurz und knapp, doch offenbar kam man zum Entschluss, dass es ausreichend Gründe gab, einander zu heiraten und so bekam Elisabeth mit Maria eine Stiefmutter. 
  • Ihr Vater hatte übrigens eine Jugendliebe, die er offenbar schon vor Maria Wassermann kennengelernt hatte und mit der er auch ein Kind bekommen hatte, eine Tochter – also Elisabeths Halbschwester, mit der sie auch Kontakt hatte, die er allerdings nicht heiraten durfte. 
  • Matthäus Geiger wurde am 7.6.1920 unweit von dem Hof, auf dem Elisabeth aufwuchs, geboren und ist 2015 verstorben. 
  • Seine Eltern, Michael und Anna (geborene Rabus) Geiger besaßen einen Hof mit Hofnamen „Schalk“, auf dem Matthäus mit seinem älteren Bruder Elias und seiner jüngeren Schwester Maria Martha aufwuchs.
  • Seine Schwester starb sehr jung, sie wurde gerade einmal 20 Jahre alt und starb wsl. an einer Leberkrankheit. 
  • Matthäus’ Mutter, Anna, stammte ursprünglich aus Volkratshofen, das ein ganz schönes Stück von Woringen entfernt liegt (ca. 15km) und das waren für damalige Verhältnisse (mit Schlitten oder Kutsche) fast schon unüberwindbare Distanzen.
  • Daher besuchten sie Annas Familie höchsten 2-3x im Jahr.
  • Jedoch immer, wenn sie frisch geschlachtet hatten, brachten sie etwas vom frischen Fleisch und der Wurscht zu Annas Eltern.
  • Eines Tages wurde also der 12-jährige Matthäus mit seinem Rad und einem Fleischpaket zu seinen Großeltern nach Volkratshofen geschickt.
  • Er fuhr los, eine Strecke, die wir übrigens mit Heidi und Olli mit dem Auto abgefahren sind, und kam zunächst gut voran. 
  • Dann bei einer Kreuzung geschah es: Er wusste nicht mehr, wie es weiterging und setzte sich verzweifelt an den Straßenrand. 
  • Zum Glück kam eine ältere Dame des Weges, die sich seiner erbarmte und ihm erklärte, dass er erstens dort entlang gehe zum Hof “Gütler” und er zweitens eh schon fast da sei.  
  • Elias und Matthäus wurden beide in den zweiten Weltkrieg eingezogen und während Elias gegen Ende des Krieges in Frankreich war als Fernmeldetechniker, war Matthäus Offiziersfahrer im Kaukasus. 
  • Daher kam auch der Ausspruch, den er zur Überraschung und Verblüffung seiner gesamten Familie beim Abendessen einmal ausrief: „Die Mongolen kommen immer von hinten!“ 
  • Durch schwere Verletzungen landete er im Lazareth Wiesenthal, bevor er dann nach Ende des Krieges im Gefangenenlager in Bad Aibling war.
  • Dasselbe Lager, in dem auch der ehemalige Papst Benedikt (Ratzinger) war, was Matthäus – nachdem er das herausgefunden hatte – sehr gut so erzählen konnte, dass es klang als wären sie dort gute Bekannte gewesen. 
  • Nach einer gar nicht so langen Zeit im Gefangenenlager kam der Befehl, dass alle, die daheim eine Landwirtschaft hätten, heim dürften, um diese zu bestellen. 
  • “Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wer auf einem Mal aller eine Wirtschaft daheim hatte.”, meinte Matthäus laut Olli und kehrte also heim.
  • Dort übernahm er den Hof, da von seinem älteren Bruder Elias jede Spur fehlte und es mit damaligen Kommunikationsmitteln nicht leicht herauszufinden war, wo dieser sich befand und wie es ihm ergangen war. 
  • Tatsächlich klopfte es 1,5 Jahre später am großen Eingangstor. Als Matthäus öffnete, stand vor ihm ein Mann – “Erkennst du mich gar nicht mehr?” fragte ihn sein Bruder Elias und nachdem Matthäus seinen ersten Wiedersehens-Schock überwunden hatte, fielen sie sich in die Arme.
  • Als Erstgeborener übernahm also Elias den Hof und Matthäus begann als Fahrer für Molkereien und sonstige Unternehmen zu arbeiten.
  • Besagten Hof besuchen wir natürlich auch, vor diesem befindet sich eine gepflasterte Terrasse, für die Steine einer alten Straße in Memmingen verwendet wurden. 
  • Und nun zurück zu der Geschichte von Elisabeth und Matthäus und der Gastwirtschaft in der Bahnhofseinöde.
  • Elisabeth und Matthäus lernten sich also kennen und lieben und heirateten am 2. November 1952. 
  • Gemeinsam erworben sie das Gebäude einer Molkerei, die als Genossenschaftsmolkerei betrieben worden war und aufgelöst wurde. Dort zogen sie 1954 in dem Jahr, in dem auch ihre älteste Tochter Marianne geboren wurde, ein.
  • Im Jahre 1876 wurde die Bahnstrecke nach Kempten über Woringen eröffnet und 1904 wurde der Bahnhof Woringen gebaut. 
  • Dieser wurde allerdings nach einigen Jahren schon weiterverkauft an die Brauerei Kempten (Allgäuer Brauhaus), die dann zur Brauerei Memmingen wurde.
  • Elisabeths Onkel Karl und ihre Tante Maria waren nach Franken ausgewandert und hatten sich auf Viehhandel spezialisiert. 
  • Im Zuge dessen handelten sie auf einem großen Viehmarkt, der regelmäßig in der Nähe des Bahnhofs Woringen stattfand, da damals Vieh großteils über die Bahn transportiert wurde. 
  • Von der Brauerei Kempten erstanden sie für den Viehhandel dann das Bahnhofsgebäude. 
  • Dank LKWs und Straßenbau verlagerte sich allerdings der Viehhandel zunehmend auf die Straße, weshalb sich Elisabeths Onkel dazu entschloss, das Bahnhofsgebäude zu verkaufen und in seiner Nichte und ihrem Mann, Matthäus, Interessenten fand. 
  • Übrigens hat Olli noch die alten Verkaufsurkunden, in denen witzigerweise alles im Detail aufgelistet ist, auch das gesamte Inventar, darunter z.B. „1 Zeitungshalter“, „1 Kruzifix“, oder „10 Kaffeeteller mit Tassen“
  • Somit erstanden also Elisabeth und Matthäus das Bahnhofsgebäude, dass sie sich dank Verkauf der Molkerei und günstigen Krediten, unter anderem auch von der Brauerei Memmingen, leisten konnten und starteten darin eine Gastwirtschaft.
  • 1962 wurde mit dem Bau der A7 begonnen und die Arbeiter dafür übernachteten in einem Lager ganz in der Nähe. Sie brachten der Wirtschaft einen ersten Aufschwung, da sie am Abend zum Essen kamen.
  • Herr Fuchs, der Chef der Bauarbeiter, erzählte Elisabeth und Matthäus, frittierte Henderl wären der neueste Trend – sie sollten diese doch im Sortiment aufnehmen. 
  • Und half selbst tatkräftig mit, indem er zum Oberjoch fuhr, wo er die Hendln schon probiert hatte, sich vom Wirt dort zeigen ließ, wie man sie zubereitete, eine Friteuse erstand und los ging’s: Die Henderl wurden mit Kondensmilch eingestrichen, frittiert und kurze Zeit später waren sie so beliebt, dass sie der Wirtschaft einen richtigen Aufschwung und ganz viele Gäste einbrachten.
  • Bis heute verkauft Olli die Henderl, erst gestern haben wir live mitbekommen, wie eine Bestellung für 4 halbe Henderln reingekommen ist. 
  • Übrigens haben zu der Zeit, als Elisabeth und Matthäus das Haus kauften, mehrere Flüchtlingsfamilien in dem geräumigen Haus gewohnt – das war gang und gäbe zu der damaligen Zeit. Die Mitbewohner wurden als eine Art Familie behandelt und halfen auch, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung. 
  • Daher war Matthäus ganz überrascht, als es während der Flüchtlings”krise” vor einigen Jahren so einen Aufschrei der Bevölkerung gab und so einen Widerwillen, Leute bei sich daheim aufzunehmen – “Das ist doch ganz normal.”, meinte er nur. 
  • Wir fahren alle Höfe gemeinsam ab, wobei wir jede Menge Spaß bei den Autofahrten und auch Besichtigungen haben. Olli hat ein Wegbier für uns eingepackt, das er und ich gemeinsam auf der Rückbank mit unseren Eheringen öffnen – er schaut verwundert rüber und meint dann: “Wirklich?!” Ich meine nur: “Ja, da hast du mich inspiriert!” und so ist es tatsächlich – eine sehr praktische Funktion ist das, das muss man schon sagen! 
  • Als wir alle Höfe besichtigt haben, fahren wir nach Memmingen, wo uns Karl Heinz, ein Freund von Heidi und Olli, der gerade zum Stadtführer ausgebildet wird, eine wirklich tolle Stadtführung gibt.
  • Memmingen bezeichnet sich gerne als die “Stadt der Freiheitsrechte”, da hier im Jahr 1525 die 12 Freiheitsrechte verkündet wurden. 
  • Olli sagt gleich zu Beginn der Stadtführung: “Ich unterbreche dich nicht, Karl Heinz.” Keine zwei Minuten später, als Karl Heinz uns von den Freiheitsrechten erzählt, sagt Olli dazwischen: “Schaut mal, das ist die Kramerstraße, wo die Steine vom Hof her sind.” So viel dazu.
  • Wir sehen die Lateinschule, wo so viel Zucht und Ordnung herrschte, dass sogar die Lehrer nicht ins Wirtshaus durften. 
  • Außerdem bewundern wir den Stadtbach, die Memminger Ach, die eine große Bedeutung hat: 
  • Früher war sie Teil des Netzes an Kanälen, an denen sich Handwerker, wie Gerber, Weber und auch Schlachthäuser niederließen, die dann ihren Müll einfach wegkippen konnten. 
  • Heute ist sie bekannt für den Fischertag, der seit 1464 ein fester Memminger Feiertag ist. Einmal im Jahr wurde der Bach abgelassen und gereinigt von den Handwerkszünften. Im Jahr 1900 wurde der Fischertagsverein gegründet, der jedes Jahr im Zuge dessen ein großes Fischevent veranstaltet. Die Regeln sind einfach: Es werden Forellen gefischt und wer die größte fängt, gewinnt. 
  • Es gibt große Diskussionen übrigens, die auch durch die Medien gegangen sind, darüber, wer Mitglied sein darf, denn in guter patriarchaler Tradition möchten natürlich die Männer nur weitere Männer aufnehmen, doch immerhin sind mittlerweile auch weibliche Mitglieder erlaubt. Was allerdings immer noch sehr streng gehandhabt wird, ist, dass es ein exklusiv für Memminger bestimmter Verein ist – man muss mindestens zehn Jahre in Memmingen gewohnt haben, um Mitglied werden zu können.
  • Die Fische werden mit “Bären” (Keschern) gefangen, um Punkt 8 Uhr ertönt am Fischertag ein Schuss und dann “juggen” (nicht hüpfen, aber eigentlich schon hüpfen) die Fischtagsvereinsmitglieder in den Bach und los geht es mit der Fischerei.
  • Am Vorabend wird ganz Memmingen in eine riesige Partyzone verwandelt, da wird gefeiert wie sonst nie. Heidi meint: “Da muss ich immer arbeiten, seit 26 Jahren wohn ich hier und war da noch nie!”
  • Karl Heinz erzählt schmunzelnd, dass es unter den Vereinsmitglieder auch aktive Tierschützer gibt (die fangen nie was). 
  • Das Highlight der Tour ist sicherlich der Kirchturm, für den Karl Heinz einen Schlüssel organisiert hat, so dass wir hinauf können. 
  • Dort haben die Turmwächter gewohnt, die bei Gefahr Alarm schlugen und heute finden hier Führungen statt. 
  • Es gibt einen Kasperl, der an einem der Räderwerke der Uhr befestigt ist, so dass er alle Viertelstunden bewegt wird und dem Läutebuben anzeigte, wann er die Glocke läuten musste – ein ausgefeiltes System. 
  • Zum Abschluss erzählt uns Karl Heinz die Geschichte vom Memminger Mau (diese Version ist aus Uli und Walter Braun: Eine Stunde Zeit für Memmingen – vom Umland ganz zu schweigen. VI. Auflage. Verlag der Memminger Zeitung, Memmingen 1982, S. 51 f.): 
Gingen einstmals in klarer Vollmondnacht ein paar Memminger aus dem Goldenen Löwen heimwärts. Auf einmal sahen sie, wie sich der Mond, hierorts Mau genannt, in einem der großen Zuber spiegelte, die unter den Dachtraufen der Häuser zu Feuerlöschzwecken standen. Da kam einem plötzlich der geniale Gedanke, den Mond doch gleich herauszufischen, damit die Stadt zu beliebiger Zeit über sein Licht verfügen könne. Schnell war der Stadtfischer geholt, der rückte mit Netzen aller Art und seinen Knechten an und begann sein Werk. Von den Fenstern ringsum schauten die aufgeschreckten Bürger herunter, was sich da unten abspielte, und selbst aus den Nebengassen kamen sie hergelaufen, aber bis heute ist es nicht gelungen, den Mau zu bergen.
  • Fun Fact: Nach der ersten erfolgreichen Mondlandung der NASA schickte der Oberbürgermeister von Memmingen ihnen einen Brief, in dem er ihnen gratulierte und sich zugleich empörte, dass man die Memminger erst hätte fragen müssen, ob man ihren Mau einfach so betreten dürfe. Es kam zwar keine Antwort von der NASA, dafür wurde Memmingen von Deutschen Außenpolitikern kontaktiert, die sich erbosten – Memmingen könne nicht einfach so die NASA anschreiben.
  • Mit dieser Geschichte beendet Karl Heinz die Stadtführung und wir verabschieden uns, bevor wir mit Heidi und Olli zum Abendessen weiterziehen in ein fancy Gasthaus/ Hotel, wo wir uns ein köstliches Abendessen mit Wein und allem schmecken lassen.

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