
Vom Gouarec
bis Josselin
Freitag, 15. März


Die Bar im Hinterhof
- Wir machen unser Frühstück selbst mit Croissants und Mandarinen, die uns beim letzten Frühstück mitgegeben wurden.


- Zuerst geht es entspannt den Canal de Nantes à Brest entlang, bis wir den Lac de Guérledan erreichen und der Weg literally steinig und schwer wird.






- Zu allem Überfluss begegnen wir einer Schulklasse von circa 15-jährigen, halbwüchsigen, viel zu motivierten und energiegeladenen Schülern.
- Zuerst schauen sie harmlos aus, wie sie als Klasse vor der Abbaye Bon-Repos herumstehen und etwas gelangweilt ihrem Lehrer oder Guide zuhören, der etwas dazu erklärt.




- Die Abbaye überrascht uns übrigens – aus dem Nichts tauchen auf einmal die beeindruckenden Gebäude vor uns auf und wir fragen uns “Wow, was ist denn das?”, bis wir auf Matthäus Handy nachschauen und herausfinden: Die einstige Abbaye ist heute ein Kunst- und Kulturzentrum, wo offenbar auch Ritterspiele mit allem drum und dran stattfinden.
- Als nächstes sehen wir die Schulklasse wieder am See-Radweg an einer Stelle, von wo aus man das große Werk einer Sand-/ Steinabbau-Anlage sieht.





- Und kurz später hören wir sie den Weg hinter uns entlang gehen oder besser gesagt sprinten und fühlen uns bissi gestresst – zum Glück stellt es sich nur als kleine Scouting Gruppe heraus, die eh auf den Rest warten muss.
- Unser altbekanntes Küsten-Schema trifft auch hier zu: Bei jeder Bucht gibt es einen Bach, zu dem es erst hinunter und dann wieder hinauf geht.
- Wir kommen eher langsam voran und brauchen mehr Pausen als gewöhnlich.
- Natürlich sind wie immer die Pausenbankerl rar und daher freuen wir uns unverhältnismäßig, als wir eines mit Tisch finden.


- “Na super”, denken wir, als kurz darauf die ganze Klasse eintrudelt und sich auf den anderen Tischen rundherum ausbreitet, “Müssen die genau hier Pause machen?!”
- Wir kommen immerhin vor ihnen los und über Stock und Stein und mit einigen Schleifen, wovon Komoot eine auf einem sehr dubios aussehenden Weg “abkürzen” möchte, geht es also den See entlang bis zu dem Punkt, wo unser Weg wegführt ins Örtchen Caurel.






- Da von hier aus die Sicht über den See super ist und es ein Bankerl gibt, machen wir eine Pause mit Snacks.
- Auf einmal taucht am See ein Kayak auf und dahinter noch eins und wir stellen fest: Da ist sie, unsere Schulklasse!

- Der fade Wander-Ausflug schaut auf einmal ziemlich nice aus.
- “Schau”, meine ich zu Matthäus, “die sekkieren die anderen!” Und tatsächlich: Eines der Boote ist ganz nah an ein anderes hingefahren und nun werden die Insassen gerade mit Hilfe der Paddeln mit Wasser bespritzt.
- “Arrêt!”, tönt es laut über den See, gefolgt von den Geräusch eines brummenden Motors, und wir bekommen auch die Lehrer zu Gesicht, die mit einem Motorboot über den See speeden.
- “Alles richtig gemacht”, sagt Matthäus anerkennend und fügt in verstellter und leicht erhobener Stimme hinzu: “Kinder, der Regen kommt, los, schneller paddeln!”
- Ein Stück die Straße entlang und schon erreichen wir den Ortseingang von Caurel, das wie viele Orte hier sehr langgestreckt ist – Haus an Haus die Straße entlang.

- Es wirkt sehr ausgestorben und macht insgesamt einen eher tristen Eindruck.
- Wir können uns in diesem Ort beim besten Willen keine Bar vorstellen, aber angeblich gibt es eine bei unserer heutigen Unterkunft.
- Tatsächlich befindet sich diese im Hinterhof unseres Hauses und scheint mehr so ein Hobby-Projekt unseres Vermieters Larry zu sein – mega cool!


- Wir kommen an, werden von Rosana willkommen geheißen, beziehen das sehr schöne Zimmer, duschen und schauen dann auf der Suche nach Essen zur Bar.
- Allerdings schickt Larry uns weiter zum Restaurant gegenüber.
- Im “Captain Cook” (einen Preis sollte es geben für dieses gelungene Wortspiel) gibt es deftige, französische, dörfliche Küche und das ganze Lokal versprüht richtige Raffezeder-Vibes (ein Dorflokal in Raabs): Viel Essen, viel Fleisch, laufender Fernseher und Gäste, die den Eindruck machen, als gehörten sie zum Inventar – wir fühlen uns auf Anhieb wohl. 🙂




- Auf zur Bar, die wir uns selbstverständlich nicht entgehen lassen.
- Larry wollte gerade gehen, gibt uns dann doch noch ein Bier: ein heimisches der Marke “Lancelot”.
- John kommt kurz nach uns hinein geschlendert und vernichtet – schaut’s nicht, so gilt’s nicht – drei Bier, während wir noch unser erstes trinken.
- John, noch so ein Brite in Britannien, ist ein Original: Wir starten zu viert ein Gespräch über König Artus, Paris, den E5, das Wandern, Bielefeld und die britische Besatzung in Deutschland.
- Die König-Artus-Legenden, so Larry, spielen sich ab im berühmten Foret de Broceliande, das weiß jedes Kind.
- “Was?!”, entgegnet John incredulously, “so ein Blödsinn, die Legenden spielen alle in Südengland, DAS weiß jedes Kind!”
- Wir auf jeden Fall machen eine mentale Notiz, denn durch den Broceliande Wald wird unser Wanderweg uns noch führen.
Samstag, 16. März


Schweine, Kühe, Landleben
- Der Tag startet mit einem großartigen Frühstück, was mich gleich positiv stimmt – vor allem, da es sau leckere Baby-Crêpes gibt.

- Gemütlich gehen wir los auf die kurze Etappe – zunächst über kleinere Sträßchen hin zur Voie Verte.
- Dieser folgen wir den Großteil des Tages – die Landschaft ist ähnlich unspektakulär wie der Weg: Felder erstrecken sich auf beiden Seiten des Weges, hier und da liegt ein einsamer Bauernhof (davon gibt es so viele, dass fast immer einer in Sichtweite ist).










- Apropos Bauernhof: Das Spektakulärste, das heute passiert, ist, als plötzlich der Weg vor uns sich mit einer ganzen Herde von Ferkeln füllt, die über den Weg getrieben werden.
- Kurz darauf passiert das gleiche mit einer Kuhherde – wir sind wirklich am Land unterwegs.

- Passenderweise haben wir eine Übernachtung bei einem Bauernhof etwas außerhalb Saint Caradecs gebucht, wo so Container – bissi wie in niederländischen Feriendörfern – vermietet werden.
- In der flachen, kargen Landschaft sehen wir die am riesigen Feld etwas verloren wirkenden Container schon von Weitem – da können sie definitiv noch etwas von den Niederländern lernen, was Raumplanung und Gestaltung angeht.

- Am Hof empfängt uns ein Junge, der sagt: “Ich vermiete die Container nicht, kann euch aber hinbringen.”, woraufhin er uns zu einer Frau bringt, die sagt: “Ich vermiete die Container zwar nicht, kann aber nachfragen.”, woraufhin sie die Dame anruft, die anscheinend die Container vermietet und die ihr mitteilt, dass wir in Container 3 untergebracht sind.
- Auch in punkto Einrichtung können sie sich etwas von den Niederländern abschauen, diese ist hier eher spärlich und schaut ziemlich billig aus (was was heißt, wenn sogar ich das merke).
- Immerhin gibt es den Luxus von zwei Schlafzimmern, zwei Badezimmern und zwei Klos – wow, Dinge, die wir brauchen!
- Wir machen uns ein etwas trauriges Abendessen – passend zum Ambiente – aus unseren Resterln, die wir noch haben.
- Dann chillen wir in Bett, lesen, schreiben, telefonieren mit Matthäus Eltern und verbringen insgesamt einen sehr chilligen Abend. 🙂
Sonntag, 17. März


Die Beschäftigungstherapie für die Weber
- Wir starten den Tag wieder mit einem selbstgemachten Frühstück, das heute aber nur aus Baguette und einem Stück Käse für jeden besteht.
- Dann kommen wir sehr langsam in die Gänge, brauchen aber heute echt lange und chillen noch in der Unterkunft, bevor wir aufbrechen.

- Zunächst führt unser Weg entlang eines sehr kleinen, schnuckeligen Kanals, der aus irgendeinem Grund höher gelegen ist – Matthäus liest auf einem Schild nach: Der Kanal wurde Beginn/ Mitte des 19. Jahrhunderts gegraben von ehemaligen Webern, die (wahrscheinlich im Zuge der Industrialisierung) arbeitslos geworden sind.
- Am Weg treffen wir tatsächlich auch Spaziergänger und wundern uns darüber, bis wir feststellen: „Ah, es ist ja Sonntag…”
- Schließlich gelangen wir über kleinere Sträßchen und Schleichwege zum größeren Kanal.






- Einer der Schleichwege führt fast auf ein Grundstück, wo gerade jemand im Garten hackelt.
- Verwirrt gehen wir langsamer und denken schon “Hoppla, geht der Weg überhaupt weiter oder schickt uns Komoot schon wieder in die Bredouille?”
- Da wir den Typen schon aufgeschreckt haben und er uns fragend anschaut, sage ich: “Bonjour” und frage, wo der Weg zum Kanal ist.
- Er lacht und deutet auf einen unscheinbaren, kleinen Schleichweg neben der Einfahrt – asooo, eh da!



- Mittlerweile ist es Sonntagnachmittag und jeder, aber wirklich jeder macht einen Spaziergang oder eine Radtour – es wimmelt nur so von Leuten.
- So viele haben wir seit dem Strand vor Kerklody nicht mehr auf einem Haufen gesehen.

- Wir sind schon fast erleichtert, als wir den Kanal hinter uns lassen, unser Weg durch den Wald führt und wir schließlich auf die Zufahrtsstraße zur “La Ferme de La Cavalerie” gelangen.




- Diese haben wir via Google gefunden und waren schon am ersten Blick begeistert, obwohl der Host, Alban, am Foto bissi grumpy dreinschaut – vielleicht aber auch nur weil seine Frau, Fabienne, neben ihm strahlend lächelt.
- Die beiden führen hier einen Bauernhof mit biologischen Anbau und direkt am Hof Verkauf.
- Wir sehen zwar Fabienne im Garten hackeln, doch sie ist so vertieft, dass sie auf Rufen und Winken nicht reagiert, also läuten wir an und ein gar nicht so grumpy dreinschauender Alban öffnet.
- Er ruft doch Fabienne, die uns herzlich begrüßt und uns gleich unser Apartment zeigt in einem wirklich schönem alten Haus gleich nebenan.
- Wir chillen zuerst wie üblich und trinken erst einmal eine Runde Kaffee und Tee.
- Dann bringt Fabienne ein wirklich leckeres Drei-Gänge-Abendessen vorbei, das wir komplett verdrücken und sehr lecker finden.

- Selig im Schnitzelkoma fallen wir ins Bett und schlafen sofort ein.
Montag, 18. März


Barbarenbarbier Marie
- Wir bekommen wieder einmal ein wunderbares Frühstück aufgetischt, Fabienne setzt sich zu uns und wir reden ein bisschen, wobei wir stolz sind, was wir mittlerweile für Gespräche mit unserem wackligen Französisch hinbekommen: Fabienne erzählt von ihrer biologischen Landwirtschaft und vom Boden der Bretagne, der großteils aus Granit besteht, so dass Wasser sich nicht ansammelt, sondern abfließt, wodurch sich alles im Tal und in den Flüssen sammelt.
- Wir reden über den Wanderweg, der uns auch noch durch Fabiennes Heimatstadt, Ploermel, führt.




- Schließlich decken wir uns im Hofladen mit ein paar Leckereien für den Weg ein, bevor wir einpacken und losziehen.

- Zunächst einmal geht es die Straße entlang bis hin zum Kanal, den wir an der Stelle erreichen, an der das ursprünglich geplante Camping im Fass gewesen wäre, das allerdings noch nicht offen hat.
- Circa 2 Kilometer später meine ich zu Matthäus: „Hey, wir haben das Camping im Fass gar nicht gesehen!”, woraufhin mich dieser verdattert anschaut und meint: “Häh, was meinst du?! Ich hab’s dir sogar gezeigt und du hast ein Foto davon gemacht!” “Ahso?!” Wir schauen nach: Tatsächlich gibt es ein Foto davon – ohje!

- Der Weg verläuft heute wieder über eher kleine und gatschige Wanderwege, was anstrengend, allerdings auch sehr schön ist.
- Trotzdem freue ich mich sehr, als wir fürs letzte Stück wieder den Canal Nantes à Brest erreichen.





- Dieser ist einfach wunderschön und super entspannt zum Entlangwandern.

- Bald erreichen wir auch schon Rohan – heute ist schließlich wieder Entspannungsetappe – ein nettes, kleines Städtchen am Kanal.





- Eine Crêperie liegt direkt am Weg und wir sind so begeistert, dass wir sofort hineinstürmen, was überraschenderweise sogar geht, da es gerade Mittag ist.
- Das ist das erste Mal, dass ein Lokal am Weg liegt UND offen hat!!
- Wir haben übrigens mega Glück, die Crêperie hat von 12:15-13:15 offen und es ist 12:30 – puh!
- Wir gehen rein und offenbar ist trotz Pausenetappe sämtliches Blut aus meinem Hirn in die Beine gewichen, denn ich sage selbstbewusst: “Nous sommes une table pour deux personnes.”
- Der Kellner schafft es, total professionell zu reagieren, zuckt nicht einmal mit der Wimper und entgegnet: “Pas du problème.” (in welcher Hinsicht ist das bitte kein Problem?! ) und führt uns zu einem Tisch (für zwei Personen).
- Wir essen circa eineinhalb Stunden leckere Crêpes, darunter auch einen Nachspeisen-Crêpe mit Cointreau flambiert, wie ihn uns Fritz empfohlen hat.
- Mit dem Feuer, das der Kellner am Tisch entzündet, unterhalten wir zum zweiten Mal heute den Nachbartisch.


- Pete und Sharon, bei denen wir heute übernachten, haben uns noch nicht so früh erwartet, doch netterweise eilt Pete sogleich herbei, um uns in Empfang zu nehmen, und wir schalten gleich ihre Waschmaschine und Trockner ein, über die wir heilfroh sind.
- Chillen und dann zaubert Sharon ein dreigängiges, mega leckeres Abendessen auf den Tisch.

- Das Setting hat perfekten britischen Sitcom-Style, Sharon hat uns so eine Glocke gegeben zum Klingeln, falls wir etwas brauchen und es fehlt gerade noch ein Teppich mit Tigerkopf um das Bild perfekt abzurunden.
- Wir quatschen ein bisschen mit Sharon, lachen viel dabei und verbringen einen mega schönen Abend bei unseren zwei britischen Hosts, die mich übrigens als “Marie Barbier” notiert haben.

Dienstag, 19. März


“This hat is from Uganda”
- Das von Sharon für uns vorbereitete Frühstück ist natürlich großartig – daher essen wir es sehr genüsslich und bestellen auch noch Spiegelei dazu.
- Dann machen wir uns langsam fertig, wobei wir so langsam sind, dass die Gäste, die zwar erst eineinhalb Stunden nach uns gefrühstückt haben, uns überholen und vor uns auf ihre Radtour aufbrechen.
- Wir hingegen quatschen beim Aufbruch auch noch mit Sharon, die uns von ihrem Blog erzählt, wie sie hier gelandet sind, sich damit ihren Traum vom eigenen BnB erfüllt haben, aber eigentlich sind die beiden schon wieder am Sprung und überlegen, wohin als nächstes.
- Wir empfehlen ihnen dringend und völlig frei von Sarkasmus eine Weitwanderung. 🙂
- Auf der Wand hängen allerlei lustige Hüte und ich deute willkürlich auf einen und frage: “What’s the story of this hat?” “Ah”, sagt Sharon, “ this hat is from Uganda…”
- Es stellt sich heraus, die beiden waren schon in Uganda unterwegs und schon sind wir in einem Gespräch über Talking Hands, Uganda etc. vertieft.

- Endlich und nachdem wir noch einmal alle Kontaktdaten ausgetauscht haben, ziehen wir los zu einer Abbaye am Weg.
- Durch ein offen stehendes Tor finden wir uns auf einmal im Innenhof der Abbaye wieder und haben schon so ein Gefühl, dass wir hier nicht sein sollten, als auch schon die Torlady, so nenne ich sie freundlicherweise mal, uns mit einem sehr lauten und unwirschen “Où allez vous?!” darauf hinweist, dass wir die Abbaye nicht einfach so betreten dürfen.



- Weiter geht es den Kanal entlang, wobei heute ein faderes Stück am Programm steht.









- Am Weg liegt ein Restaurant, das uns Sharon und Pete nicht empfohlen haben (“Aber gut, es ist das einzige am Weg”).


- Die Frage, ob wir hinschauen, stellt sich jedoch gar nicht, denn es liegt auf der anderen Kanalseite und keine Brücke ist in Sicht.

- Am Ende der Etappe tauchen zu unserer unendlichen Verblüffung nicht nur Bankerl, sondern auch Liegestühle auf (?!?), auf denen wir uns selbstverständlich eine Pause gönnen.








- Das Highlight ist aber ungeschlagen die Kurve, hinter der am Schluss Josselin auftaucht – eine mittelalterliche Stadt mit einem Schloss, das imposant am Kanal liegt – und gleich gegenüber mit tollem Blick darauf unser Hotel – mega!!

- Wir haben noch so viel Energie übrig, dass wir beschließen, eine Runde durch die schöne mittelalterliche Stadt zu drehen und es zahlt sich aus!








- Steinerne Häuser, Fachwerkhäuser, kleine Gärtchen, eine schöne Kirche und kleine Geschäfte schmücken das Stadtbild.
- In einem dieser Geschäfte erstehen wir zwei Kilogramm Cabanossi („Seid ihr sicher, die ganze Packung?!” “Yes man!”)
- Abendessen im Restaurant mit Blick aufs beleuchtete Schloss und gute Nacht!

