
Von Lusigny
nach Châteauvillain
Dienstag, 30. April


Der Kuh-Zug
- Tolles Frühstück zum Start, Verabschieden von Raphael und Laurent und los geht’s!

- Der Weg führt wieder den Kanal entlang und gleich am Anfang überrascht uns eine kunstvoll angelegte Wasseranlage.

- Weiter geht es entlang einer Bahnlinie auf ebenso flachen wie entspannten Feldwegen und dann wieder retour zum Kanal, der auch immer größer und künstlicher wird.
- In einem kleinen Örtchen machen wir Pause, bevor es über kleine Sträßchen – echte “Country Roads” – weitergeht.






- Da sehe ich auf einmal in der Ferne etwas vorbeiziehen: “Schau ein Zug!”, rufe ich und es spricht schon wieder dafür, dass ich mehr Blut in den Beinen als im Hirn habe, denn Matthäus kneift die Augen zusammen, schaut angestrengt in die Ferne und meint dann: “Wo?! Ich sehe keinen Zug… Oder meinst du etwa die Kühe?!”
- Ich schau noch einmal hin und sehe: Tatsächlich, das ist eine Kuhherde, die in der Ferne im Gänsemarsch über die Wiese zieht.
- Unser Weg wird kleiner und kleiner: Bald schon führt nur noch ein Pfad in den Wald hinein, bis dann auf einmal die Beschilderung des GR2s (auf dem wir uns zur Zeit befinden) ganz aufhört – ah, ein Frankreich-weites Phänomen, von dem kein GR verschont bleibt.





- Wir schlagen uns durchs Dickicht und landen schließlich auf einer riesigen Schneise, die wir beschließen auszunutzen und die wir also entlang gehen, bis wir zum Glück wieder auf einen Weg stoßen.
- Hier im Wald werden – auch GR-like – die Wege wieder gatschiger.
- Dazwischen gibt es zur Erholung wieder Abschnitte mit Feldwegen, auf denen wir zwar keinen Menschen begegnen, dafür aber einem lieben Pferd, das uns sogar begrüßt – Hallo Pferd!






- Schließlich erreichen wir den kleinen Ort Bar-sur-Seine.
- Über eine Brücke gelangen wir in den Ortskern, wo wir ein Fachwerkhaus sehen, das wohl gerade renoviert wird und von dem jetzt nur noch das Holzgerüst steht. Faszinierend!

- Wir kommen direkt über einer Bar/ Restaurant unter (richtige Delft-Vibes), wo zwar gerade niemand da ist, uns aber ein Code mitgeteilt wurde, mit dem wir an unseren Schlüssel und dann ins Zimmer kommen.
- Wir beschließen, die günstige Lage zu nutzen und in dem Restaurant abendzuessen.
- Dabei schaffe ich das Kunststück, die Champagnerkarte (ja, es gibt eine Champagnerkarte) offen vor mir liegen zu haben und den Kellner zu fragen: “Haben Sie auch Champagner?” Woraufhin mich dieser verwirrt anschaut und dann langsam sagt: “Jaa, alles, was Sie auf der Karte finden, ist Champagner.” – Ah, not my brightest moment (aber auch nicht mein least brightest – ha).


- Wir bestellen also eine der vielen Flaschen Champagner, wobei wir uns schon wieder als totale Touristen outen und einfach die Flasche, für die groß auf einer Seite Werbung gemacht wird, auswählen.
- Dazu gönnen wir uns ein Drei-Gänge-Menu (ich bin mir gar nicht sicher, ob man in Französischen Restaurants Menüs mit weniger als drei Gängen bestellen kann) und ich muss sagen, das Essen ist gut!
- In der Nacht gibt es dann zwar keine crazy Party-Musik aus unserer Bar (doch nicht wie Delft), stattdessen bietet uns die Natur ein Spektakel: Es gibt ein mega Gewitter, wie wir es noch selten gesehen haben, und wir sind wieder einmal heilfroh ein festes Dach über dem Kopf zu haben!
Mittwoch, 1. Mai


Escargot, krasse Auf- und Abstiege und Champagner
- In einer Bowlinghalle – oder zumindest einem ähnlich großen und leeren Raum – gibt es Frühstück, wobei am Tisch neben uns eine Familie von Niederländern sich ganz gut und lautstark auf Niederländisch unterhält – die totale Niederländer-Urlaubs-Gegend haben wir erreicht.


- Durch die schöne Altstadt von Bar-sur-Seine geht es los – entlang von Waldwegen, Forstwegen und entlang der Seine.



- Auf einem Weg mitten im Wald kommt uns auf einmal im Schritttempo ein Auto entgegen – OK?! Etwas merkwürdig…
- Der Weg führt auf weiten Strecken heute über die Hügel, auf denen die Weintrauben des berühmten Champagners wachsen – wow!




- Teilweise kommen wir entlang von Straßen durch kleine Orte und an Bauernhöfen vorbei.
- Bei einem solchen stehen Esel draußen herum und mit einem dieser Esel freunde ich mich sofort an – Liebe auf den ersten Blick sozusagen – und wir verstehen uns so gut, dass ich ihn am liebsten gleich mitgenommen hätte. <3


- Durch eine sehr kleine Fußgängerunterführung, die uns unter einer großen Straße durchbringt, gelangen wir wieder in die Champagner-Hügel, wo wir einen riesigen Tisch finden. “Der ist sicher für Champagnerverkostungen”, meine ich zu Matthäus, weil mich der Tisch sehr an einen erinnert, wie ihn Lucia und Herbert in ihren Weinbergen haben und wo wir ihren Wein verkostet haben.
- Wir nutzen den Tisch für eine Pause mit Jause und kosten statt Champagner die Schneckenpastete, die wir aus dem Supermarkt mitgenommen haben.
- Sie ist sehr lecker!






- Als wir jedoch ein Foto in die Wachstumsrunden-Signal-Gruppe schicken, sind die Reaktionen sehr gemischt und eher schockiert.
- Kurz darauf finden wir neben dem Weg ein ausgebranntes Auto, das uns totale Route 66-Vibes gibt.


- Außerdem beobachten wir ein faszinierendes Naturschauspiel: Ganz viele Raupen haben eine Kette gebildet, so dass sie ausschauen wie eine lange Schlange. So bewegen sie sich synchron über den Weg.
- Zum Schluss führt unser Weg durch einen Wald und auf wildeste Art und Weise bergauf und bergab.
- So steile Waldwege habe ich echt noch nie gesehen – vor allem in der Größe!




- Wir erreichen Mussy, an der Seine gelegen, und finden unser Quartier auf Anhieb.


- Unser Host, Pierre, ist allerdings gerade irgendwo im Ort unterwegs, kommt allerdings herüber spaziert, als wir ihn anrufen – sehr schnell für sein Alter.
- Er ist selbst passionierter Wanderer, erzählt er, und freut sich, dass wir bei ihm unterkommen und das Land wandernd erkunden.
- Kurz darauf bricht ein riesiges Gewitter aus und wir freuen uns auch sehr, dass wir bei Pierre unterkommen können!
Donnerstag, 2. Mai


“Spreekt u Nederlands?”
- Frühstück gemeinsam mit Pierre, dessen Sohn währenddessen anruft und uns mit seinem fließenden Deutsch beeindruckt.
- Pierre erzählt von diversen Wanderabenteuern, darunter seiner Lieblingstour, die ihn am meisten beeindruckt hat – die Mont-Blanc-Umrundung am GR 5.

- Verabschieden und los geht es auf den GR 703, den Jeanne D’Arc Wanderweg, der uns zunächst einmal in einem sehr sanften – ungewohnt sanften – Aufstieg hinauf in die Weinberge bringt.







- Diese sind wunderschön, ein Anblick, der nur ein kleines bisschen getrübt wird von dem Regen, der uns schon begleitet, seit wir zur Tür hinaus sind.
- Wir verlassen schließlich die Weinberge und weiter geht es durch Wald, Wald, Wald, aber auf sehr schönen Wegen.
- Der weitere Weg ist unspektakulär – zur Mittagspause stellen wir uns beim Vordach einer Kirche unter, was zumindest den Regen, nicht aber die Kälte abhält, wodurch die Mittagspause eher kurz ausfällt.



- Dafür kommen wir gemütlich endlich wieder am Nachmittag in Cunfin an.
- Am Weg treffen wir auf einen anderen Weitwanderer, mit dem wir ein bisschen ins Gespräch kommen und der uns erzählt, dass er den Jakobsweg geht, wofür er bis Ende August eingeplant hat – ein Stück begleitet ihn seine Frau und zum Schluss auch seine 10, 12 und 15-jährigen Kinder in Spanien – sonst ist er aber allein unterwegs.
- Er hat in Punkto Unterkünfte weniger Hemmungen als wir und ein Zelt mit und handhabt das folgendermaßen: Wenn er am Abend in einem Ort ist, läutet er bei Leuten an und fragt, ob sie eine Idee haben, wo er sein Zelt aufstellen könnte und wird dann oft zum Abendessen eingeladen, und hie und da wird ihm auch angeboten, er könne einfach im Garten zelten.






- Gerade heute im andauernden Regen sind wir aber wieder einmal sehr happy über unseren Entschluss in Chambre d’Hotes zu übernachten und von Monique und Bianca begrüßt zu werden, die gemeinsam ein super nettes Gästehaus betreiben.
- Die zwei, ein Niederländisches Paar (das vorher in Delfgauw gewohnt hat =) ), haben erst unlängst das schöne Haus erworben und betreiben darin seit April ein Bed & Breakfast.

- Sie bieten zu unserer absoluten Freude auch ein Table d’Hotes an und wir haben Glück, denn die anderen Gäste, Pierre und Patrice, zwei Belgier, haben heute ein Haus in der Nähe erworben, einen Anlass, der natürlich gebührend mit Champagner gefeiert werden muss.





- Super tolle Dinner-Konversationen – diesmal auf Niederländisch: Die zwei Belgier aus Flandern sind sehr nett und mega lustig.
- Patrice erzählt: “Also wir wandern sehr gerne und bergauf bin ich immer schneller als Pierre” – Pierre, der circa das Doppelte wiegt wie seine Frau, lacht und sagt: “Ja, kein Wunder!” “…und bergab holt mich Pierre dann wieder ein.” fährt Patrice fort und Pierre ergänzt: “Ja, auch kein Wunder!”
- Insgesamt wird viel gelacht, Wein getrunken und es ist einfach ein toller Abend!
Freitag, 3. Mai


Am Chemin Jeanne D’Arc
- Frühstück gemeinsam mit Pierre und Patrice, was wir super finden, nicht nur weil die beiden einfach tolle Gesprächspartner und immer für einen Spaß zu haben sind, sondern auch weil sie ihre Pain-au-Chocolats nicht essen, die wir dann als Wegzehrung mitnehmen dürfen.
- Bianca gibt uns sogar Sackerln, damit wir übriggebliebenes Essen einpacken können – das ist wirklich voll lieb und so können wir sogar noch Sandwiches für unterwegs mitnehmen.

- Ich schreib noch ein bisschen Blog, bevor wir aufbrechen – hinein in den wunderschönen Wald, durch den unser Weg uns heute den ganzen Tag führen wird, hin zur Abbaye Clairvaux.
- Es regnet Gott sei Dank nicht, im Gegenteil, oft kommt sogar die Sonne heraus und wir kommen ganz gut voran, da es meinem Fuß, auf dem ich krasse Blasen gehabt habe (die Wanderschuhe müssen immer noch eingegangen werden), auch wieder besser geht.







- Harry Potter und die Heiligtümer des Todes begleitet uns wieder auf weiten Stücken des Weges und wir begegnen wirklich den ganzen Tag lang keiner Menschenseele.
- Am Schluss sehen wir durch den Wald schon die Abbaye schimmern, die tatsächlich – wie Pierre beschrieben hat – sehr imposant und groß ist.



- Die Hälfte davon ist von einem Baugerüst eingehüllt, was den beeindruckenden Blick etwas mildert.
- Den Jeanne D’Arc Weg, GR 703, finden wir heraus, verlassen wir heute, denn er würde weiterführen in den Ort “Ma”, von wo aus Jeanne D’Arc Richtung Orléans gestartet ist.
- Von der Geschichte hat uns gestern Abend auch Pierre erzählt, der hat gemeint, er habe das nachgelesen.
- Matthäus erzählt, dass er Jeanne D’Arcs Geschichte aus “Age of Empires 2” kennt und berichtet, woran er sich erinnert: Jeanne ging im 100-Jährigen Krieg nach Orléans, um dort den noch nicht gekrönten König, der schon alle Hoffnung verloren hatte, zu überzeugen, mit den Armeen in den Krieg zu ziehen.
- Sie war offenbar überzeugend genug, denn genau das tat er dann, wobei Jeanne D’Arc mitzog und sie erfolgreich einige Gebiete – darunter Reims und Teile des Val de Loire – zurückeroberten.

- Das Ende der Geschichte ist nicht so schön: Die kämpferische Lady wurde gefangen genommen und als Hexe verbrannt – “immerhin” verhalf ihr das zur Heiligsprechung.
- Neben der Abbaye haben wir ein Hotel gebucht, wo wir gleich selbst einchecken, das Zimmer beziehen und zuerst einmal chillen, bevor wir eine Flug- und Unterkunftsbuchung-Session machen – danach kurzes Herumärgern, warum wir unbedingt 80 Euro sparen wollten und uns für “Opodo Prime” angemeldet haben, was sich jetzt als unmöglich zum Abmelden herausstellt…. – dumm!
- Abendessen im Hotelrestaurant – Matthäus bestellt die Spezialität des Hauses, Andouille (Wurst aus Eingeweiden).
- Ich koste, bin aber nicht so großer Fan.
Samstag, 4. Mai


Das ist Orges!
- Frühstück im Hotel, Rucksäcke droppen und ein leichter Spaziergang zur Abbaye de Clairvaux, der wir heute einen Besuch abstatten.

- Pünktlich zur ersten Führung um halb 11 sind wir da und unser Guide spricht angenehm langsames Französisch.
- Er ist auch super happy über die “Autrichiens”, die an der Führung teilnehmen.



- Einmal nimmt er uns zur Seite und fragt uns interessiert, was uns hierher bringt.
- Er ist begeistert, als wir von unserer Wanderung erzählen – er selbst sei schon den GR 5 rund um den Mont Blanc gegangen (das ist scheinbar DIE Französische Fernwanderweg schlechthin!), erzählt er mit leuchtenden Augen.
- “Ah, von dem ham wir auch schon gehört”, sagen wir und sofort sind wir in ein Gespräch über GRs und das Wandern verwickelt.
- Jetzt, wo ich meine Notizen anschaue, sehe ich: Alles, was ich mir von der Abbaye notiert habe, ist “größte Monument-Baustelle nach Notre Dame” – durch und durch Kind einer Architektin.




- Die Abtei war der Ursprung des Zisterzienserordens, als der Heilige Bernhard hierher kam und die Abtei an dieser Stelle errichtete und den Orden gründete.
- Zum Zisterzienserorden, meint Gérard, unser Guide, gehöre auch das Kloster Heiligenkreuz in Österreich – und schaut uns vielsagend an – “Jaaa, das kennen wir, da waren wir sogar schon öfter”, versichern wir ihm.
- Die Zisterzienser sind bekannt für die großen Klostergarten- und Kräutergartenanlagen, die die Kloster umgeben – mega!
- Anfang des 19. Jahrhunderts wurde allerdings dieses Kloster in ein Gefängnis umgebaut, das bis 2023 betrieben wurde und erst seit Kurzem kann man die Anlage im Zuge von Führungen besuchen!
- Man sieht überall die Spuren des Gefängnisses: Wachtürme, Zäune, die ganze Anlage versprüht ein besonderes Flair.


- Erst bei einem Blick auf die Visitenkarte, die uns Gérard zum Abschluss überreicht, stellen wir fest: Unser Tourguide ist der Präsident des Vereins zur Erhaltung und Wiederherstellung der Klosteranlage!
- Wir verabschieden uns und bedanken uns, denn die Führung war wirklich toll, und ziehen los: Wieder hinaus aus der Zivilisation, hinein in den Wald.
- Ab hier verlässt uns ja der Jeanne D’Arc Weg und stattdessen geht es weiter auf der Via Francigena, einer Pilgerroute, der wir nun ein paar Tage lang folgen.






- Wir entdecken einen kaputten Autoreifen im Wald – nicht cool – und einen Fluss, von dem wir erleichtert feststellen, dass wir ihn nicht queren müssen.
- Als wir durch ein sehr kleines Dorf kommen, sehen wir einen Bäckerei-Automaten am Wegesrand und denken schon: Super, da holen wir uns ein frisches Baguette, aber das gibt es nicht: Stattdessen ist das letzte Sackerl im Automaten gefüllt mit – sage und schreibe – acht Pain au Chocolats! Was?! Ich bin im siebten Himmel! Made my day!

- Da wir auf lauter Pilgerwegen unterwegs sind zur Zeit, schauen wir in eine Kirche hinein, vielleicht aber auch deshalb, weil es wieder einmal regnet und wir uns freuen, kurz im Trockenen zu sein.




- Ein weiteres Highlight ist der Ort Orges, der sich nur so anbietet für dumme Witze, die wir nicht müde werden den ganzen Tag zu reißen – “Ah, das ist Orges!”, “Voll Orges”, etc. etc.
- Châteauvillain, wo wir heute übernachten, wird seinem Ruf gerecht, es ist voller schöner 19. Jahrhundert-Prachtbauten.



- Kurze Enttäuschung, als wir feststellen, dass das einzige Restaurant der Stadt – ein Kebab-Laden – geschlossen ist, doch Rettung kommt – wie so oft – in Form eines Pizza Food Trucks.
- Der Andrang bei diesem ist (wenig verwunderlich) so groß, dass uns der Verkäufer sagt, dass die Pizza erst um 10h am Abend fertig sein wird (also unsere vier Pizzen, die wir bestellt haben, auch als Proviant für die nächsten Tage).
- Inzwischen versuchen wir die Sauna in unserem Apartment in Betrieb zu nehmen und schmeißen dabei die Sicherung raus.

- Daraufhin kurz Anklopfen bei den Nachbarn, wo sich unser Sicherungskasten anscheinend befindet (voll praktisch) – große Freude, denn diese sind Niederländer und wir unterhalten uns also auf Niederländisch über die praktische Konstruktion – und wir warnen sie, dass wir eventuell noch einmal vorbeikommen, sollte die Sicherung wieder rausfliegen.
- Nachdem wir alle anderen Geräte abgedreht und abgesteckt haben, funktioniert die Sauna aber einwandfrei und so haben wir einen sehr gemütlichen Sauna-Abend – sehr nice!
