
Von Palú im Fersental
nach Campogrosso
Freitag, 21. Juni


Gipfelstürmer
- Frühstück heute um 6:15 Uhr und wir sind nur ein bisschen überrascht, dass um diese Uhrzeit auch unsere Bergschulgruppe schon wach ist und frühstückt.
- Wie auch immer sie es schaffen (sie müssen wirklich eiserne deutsche Disziplin an den Tag legen), gehen sie früher los als wir, obwohl wir schon gestern alles eingepackt haben und um halb 8 schon losstarten (OK, vielleicht haben wir ein bisschen länger gefrühstückt).

- Wir bestätigen noch einmal mit dem Wirt, was seine Frau gestern auch schon gemeint hat: Am Lago Erdomolo liegt noch ordentlich viel Schnee – da sollte man nicht gehen.
- Dafür zeigt er uns noch einmal den Alternativweg, der auch sehr schön ist und mit dem man immerhin alle Gipfel erreicht und die Gratwanderung teils machen kann.



- Diesen geht unsere Bergschule auch, obwohl sie sich zur Kapelle, die auf halbem Weg zum ersten Gipfel liegt, mit dem Taxi bringen lassen – ?!?
- Der Weg bis zur Kapelle ist wunderschön, führt zwar bergauf, aber durch den schattigen Wald und über grüne Almwiesen – passend dazu hören wir das Hörbuch von “Herr der Ringe”.










- Trotz großen Vorsprungs sehen wir beim Aufstieg die Gruppe vor uns und beim ersten Gipfel holen wir sie ein – pünktlich, so dass wir alle voneinander stolz Gipfelfotos schießen können.




- Vor dem zweiten Gipfel überholen wir sie dann am Anstieg, nachdem wir noch länger Pause beim ersten Gipfel gemacht haben und verweilen nicht gar so lange dort, da es anfängt zu regnen.





- Statt über den dritten Gipfel nach Vetriolo zu wandern, biegen wir vorher ab und machen einen Abstecher zur Malga Masi, einer urigen, kleinen Alm.


- Ah, bei Gipfel zwei sehen wir vor uns Hörner auftauchen – “Eine Gams!” rufe ich, doch es stellt sich als eine Herde Ziegen heraus, die gemütlich am Gipfel chillen.


- Da mittlerweile Nieselregen eingesetzt hat, flüchten wir in die warme Malga Masi und bestellen Polenta mit Käse und Kraut und ein Craft Beer, das sie hier im Fass haben! (Polterabend Vibes, nice!)
- Wir chillen dort länger als alle anderen Wanderer, die hereingeschneit kommen, aber an die Gruppe von älteren Italienern kommen wir lange noch nicht heran.
- Am “unschönen Abstieg über 1000 Höhenmeter” nach Levico begegnen wir einem Mann und einer Frau, die uns nach “Mortelli” fragen – einer Siedlung mit Häusern ein paar Höhenmeter über uns offenbar.









- Als wir sagen, dass wir leider kein Italienisch sprechen, stellt sich der Mann als Engländer heraus und wir unterhalten uns super, seine Freundin hat ein Blumengeschäft in Levico und sie wollten mit dem Mountainbike den sehr steilen Weg hinauf fahren, den wir gerade hinunter gewandert sind (“Wild”, versichere ich ihnen, “unless you are very experienced on your bikes”).
- Levico ist ein größerer Ort und voll nett italienisch.



- Wir checken ein, total lieber Hotelier, doch keine Halbpension (Restaurant ist zu), macht nix, Zimmer chillen, Snacks essen, Klettern schauen. 🙂
Samstag, 22. Juni


Flüchten vorm Gewitter
- Es gibt ein tolles italienisches Frühstücksbuffet – überhaupt wird es immer italienischer in jeder Hinsicht.


- Zunächst einmal geht es über Straßen durchs gar nicht so idyllische Tal, denn auch die Straßen sind italienischer – mit schnell fahrenden Autos und ohne Gehsteig.

- Auf den Berg, über den wir müssen, gibt es mehrere Aufstiegsmöglichkeiten und zwar entweder über einen Klettersteig, was wir aufgrund fehlender Ausrüstung und schwerer Rucksäcke verwerfen, oder über einen dementsprechend steilen Wanderweg, der allerdings gesperrt ist.
- Wir beschließen es trotzdem in Angriff zu nehmen, was bleibt uns auch groß übrig – und wie schlimm kann es schon sein.




- Es ist super steil, aber auch ziemlich schön – das einzige Problem ist, dass meine Stimmung nicht gut ist und es auch schon wirklich heiß ist, wodurch der Anstieg ca. doppelt so schwierig ist.
- Die Rettung kommt in Form eines kristallklaren Bergbachs, der angenehm kühlende Temperatur hat und in den ich sofort meine Füße strecke.

- Kurz ist meine Laune wieder besser, doch seilgesicherte Aufstiege und einige anstrengende Kletterpartien machen sie wieder ein bisschen zunichte.


- Außerdem ist ein Gewitter angesagt, was mich nervös macht.
- Tatsächlich fallen erste Regentropfen, als wir einen kleinen Pass mit Restaurant erreichen, in das wir dankbar flüchten.


- Eine weise Entscheidung, denn kurz darauf prasseln die Regentropfen aufs Dach und wir sehen die ersten Blitze am Himmel bedenklich schnell gefolgt von Donnern.
- Während das Gewitter um uns tobt, bestellen wir leckere Panini und ich schreibe ein bisschen.
- Als das Gewitter vorbeigezogen ist, machen wir uns wieder auf – der Weg führt uns über breite Forstraßen bergab ins Tal.



- Dort erreichen wir einen Ort, wo wir unsere Vorräte aufstocken – mit italienischen Leckereien aus dem Supermarkt.


- Bald erreichen wir dann Carbonare, wo wir heute im Hotel übernachten und dem Gewitter zuschauen können, wie es auf uns zuzieht.

- Außerdem kommen wir im Hotelrestaurant in den Genuss unseres ersten richtig italienischen Abendessens mit 3 Gängen und Wildschwein zum Hauptgang – nice!
Sonntag, 23. Juni


Mystische Blicke auf vernebelte Almwiesen
- Sehr langsam kommen wir heute in die Gänge – auch kein Wunder, da wir zunächst von lauten Donnern und einem ordentlichen Gewitter geweckt werden – und ich stelle mir die sehr interessante Frage: Was machen eigentlich Wildschweine im Gewitter? Nachdem ich in einem Jagdforum herausgefunden habe, dass Rehe sich verziehen und nachher auf Lichtungen kommen, werde ich auf einer Naturseite fündig: Wildschweine fühlen sich bei Gewitter draußen sauwohl!
- Unser super lieber Host bietet uns an, uns mit dem Auto hinzufahren, doch wir lehnen natürlich dankbar ab und ziehen los – ausgerüstet mit Ponchos in den echt starken Regen, der uns den ganzen Tag begleiten wird.

- Immerhin, das Gewitter ist in weiter Ferne und man hört nur hie und da ein Donnergrollen, das weit weg ist.
- Passenderweise kommen wir bei einem echt wild ausschauenden Baum vorbei, in den offenbar ein Blitz eingeschlagen hat.


- Ab hier folgen wir übrigens dem Friedensweg, der an die Schlachten des Ersten Weltkriegs erinnert, die teilweise hier in bergigem, unwegsamem Gelände ausgetragen wurden.
- Bald erreichen wir ein erstes Mahnmal an den Krieg: Das Forte Cherle, eine riesige Österreichische Befestigungsanlage mit vielen Tunnels, durch die man heute mit Taschenlampen durchgehen könnte und es so erkunden.
- Wir werfen einen Blick in die Gänge, doch beschließen es nicht näher zu besichtigen, da überall das Wasser drinnen steht.
- Sehr beeindruckend trotzdem, die riesige Betonanlage im Nebel.


- Durch den Nebel steigen wir auf mystisch wirkenden Almwiesen auf und kommen zu einem ehemaligen Lazarett, von dem nicht mehr viel übrig ist.

- Zu dem hin führt die Kaisertreppe, lauter Stufen, die uns nicht erfreuen.
- Kleine Waldwege, die durch die ärgste Wildnis führen und schon ziemlich zugewuchert sind, führen uns ins Skigebiet, das sehr verlassen und düster wirkt – in dem Nebel und ohne Menschen.





- Darin liegt auch das Restaurant/ die Unterkunft Passo Coe, die Gott sei Dank offen hat (wir haben zwar reserviert, aber man weiß ja nie).

- Da treffen noch vier weitere Wanderer (per Taxi) ein und gemütlich lassen wir den Abend ausklingen mit Bier, lesen, essen und Wein.
Montag, 24. Juni


Von Fiat Pandas und Jeeps
- Ausgiebiges und gutes Frühstück im Passo Coe.

- Dann ziehen wir los Richtung Rifugio Lancia: Eine Bergetappe, die uns über einiges an Auf und Ab durch wunderschön gebirgige Landschaften und über tolle kleine Steinwege führt.



- Über Almwiesen und durch Wald steigen wir auf zum Monte Maggio, zu dessen Gipfel wir tatsächlich einen Abstecher machen, da er so nah ist.
- Die Aussicht von hier aus ist toll und hier sieht man sie überall auf dem heutigen Weg am “Sentiero del Pace”: Spuren vom Ersten Weltkrieg – verfallene Häuser, Wohnstollen, Unterschlüpfe und Schützengräben.







- Auf schmalen Gebirgswegen und auf und ab mit Wahnsinns-Aussichten geht es weiter, bis wir absteigen durch den Wald, wo ein weiteres Kriegsrelikt ist: Ein alter LKW.


- Wir erreichen den tiefsten Punkt der heutigen Wanderung, den passo del Borcola, wo auch die Malga Borcola ist, in der wir selbstverständlich einkehren und ins Gespräch kommen mit italienischen Arbeitern, die hier Mittagspause machen und erzählen, oben am Gipfel sei viel “Nebbia” (Nebel, denken wir, obwohl wir uns kurz fragen, ob es nicht doch Schnee heißt).
- Über steile, aber auch schöne Wege geht es also wieder hinauf in den Nebel auf die Hochebene Sogli Bianchi, die voll passend ist zum “Herr der Ringe” Hörbuch, das wir gerade hören, und wirklich wunderschön.



- Hier machen wir Pause mit einem „Drei-Gänge-Menü“ mit Salatbeilage bestehend aus Grissini, Käseplatte, Marillen und dazu Gurke.
- Beim Weitergehen kommen wir zu einer Weggabelung mitten auf der Ebene, wo wir auf einmal dahinter Gämse entdecken – mega!


- Es scheinen Teenager-Gämse zu sein, denn erstens haben sie helles Fell und zweitens sind sie mindestens so neugierig auf uns wie wir auf sie.
- Eine ganze Weile beobachten wir uns gegenseitig und kommen einander immer wieder scheu näher – mega! (“Wenn die der Jeep in den Bergen sind”, sage ich, “sind wir der Fiat Panda”).
- Tatsächlich gibt es hier noch Schnee. Durch einige Schneefelder stapfen wir!

- Über Forststraßen erreichen wir dann das Rifugio Lancia, wo wir warm und herzlich empfangen werden, eine richtige Berghütte und – das Beste – mit Feuer im Kamin!

- Wir treffen wieder die Wandergruppe, die den E5 entlang wandert und die wir schon hie und da gesehen haben und verbringen einen gemütlichen Abend am Kamin mit Rätsel, Quatschen, Schnapsen und ohne Internet.
Dienstag, 25. Juni


Trübes Wetter am Sentiero della Pace (Friedensweg)
- Heute frühes und schnelles Frühstück und einpacken, da wir früh losziehen wollen, weil für den Nachmittag Gewitter angesagt sind.

- In der Nacht sind noch zwei weitere Gäste in unser Matratzenlager eingezogen, die wir jetzt etwas verschlafen kennenlernen, also “Hallo” sagen und kurz reden über ihre wetterbedingte spontane Planänderung.
- Die Wandergruppe verwickeln wir endlich mal beim Frühstück in ein kurzes Gespräch: Sie gehen den E5 von ca. Levico (Passo die Coe) bis Verona.
- Die Bergführerin Katharina mit Silke, Tim und Flo, eine sehr schweigsame Truppe (bis auf Katharina).
- Katharina gibt uns Weg- und Wetterupdates, was super ist, da wir hier beim besten Willen kein Netz herbekommen.
- “Die wunderschöne Gebirgslandschaft des Pasebio erzählt in ungewohnter Deutlichkeit von der Grausamkeit der Gebirgskämpfe im Ersten Weltkrieg”, so schreibt unser Guidebuch und der Sentiero della Pace, dem wir über das Gebirgsmassiv einige Etappen lang folgen, ist genau für diesen Zweck angelegt worden.
- Das Wetter untermalt das Thema der heutigen Etappe sehr passend: Es regnet von Anfang an und dichter Nebel liegt über den Bergen.



- Bald sind wir trotz Ponchos, die wegen Wind nicht leicht zu tragen sind, durchnässt und es wird bissi frisch mit dem Wind, der über die Steine blast.
- Kurz überlegen wir, den Dente Austriaco auszulassen, doch dann beschließen wir doch auf den dem Wind und Wetter ausgesetzten Gipfel aufzusteigen, wo die Frontlinie im ersten Weltkrieg verlaufen ist und wo man noch Wohnstollen, Schützengräben und auch alte metallene Relikte aus dem Krieg entdeckt.








- Im dichten Nebel und leicht fröstelnd in Wind und Nieselregen kommt die trübe Stimmung sehr gut zur Geltung und es passt zu der dunklen Vergangenheit und Geschichte, die der Berg erzählt.


- Wir steigen durch das Steinfeld ab, in dem so viele Menschen ihr Leben gelassen haben, sehen den Dente Italianico nicht, können ihn im dichten Nebel nicht einmal erahnen und beschließen daher stattdessen direkt abzusteigen zur Kapelle S. Maria (oder so) und zum Start/ Ende der “Straße der Helden”, die in angeblich nur sechs Monaten in den Fels geschlagen wurde und auf der “die Helden” zur Frontline gekarrt wurden.








- Beeindruckend, wie sich die Straße entlang der steilen Felswände teils mit Tunnels schlängelt.




- Wir steigen ab, teils auf steilen Abkürzungen, hinunter bis die Wolkendecke über uns ist und das Wetter auf einmal besser wird, bis zum Aufstieg nach dem Fugarzepass, den wir förmlich sprinten, da ja am Nachmittag Gewitter angesagt sind.




- Diese erreichen uns dann auch beim Abstieg, Gott sei Dank erst im Wald, aber durchnässt sind wir trotzdem.


- Entspanntes Ankommen im Fancy Refugio, in dem es sogar Internet gibt.
- Klettern schauen, Abendessen, gute Nacht!



